FONDSBOUTIQUEN & PRIVATE LABEL FONDS: Family Offices, Fonds­boutiquen und die Schweizer Expertise (Interview – Markus Hill, Thomas Caduff)

Caduff: Herr Hill, Sie sind ein erstklassiger Kenner der Family-Office-Land­schaft in Deutsch­land. Nicht umsonst nennt man Sie auch «Mr. Family Office». Kommen Sie geschäft­lich gut durch die Krise?

Hill: Family Offices, ähnlich wie der klassische Mittel­stand und Fonds­boutiquen, sind bekanntlich «Lang­frist­denker». Viele der Dienst­leister in diesem Segment sind mir ja bekannt. Feed­back bei mir und auch von diversen anderen Dienst­leistern: Die Dinge laufen weiter, manch­mal mit etwas weniger Tempo. Inte­ressant ist jedoch, dass es auch wieder neue Anbieter mit inte­ressanten Services gibt, zum Beispiel Peter Brock und Christian Stadermann (BEEWYZER) – ich bin aufgrund von gemein­samen Panel­diskus­sionen hier vielleicht etwas selektiv und befangen, das gebe ich zu. Kurzum, im Gegen­teil: Die Dinge haben sich trotz «Krise» viel besser ent­wic­kelt, als ich es erwartet hätte. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass man schon lange Zeit vorher digital gesehen sehr gut aufge­stellt war.

Caduff: Sie sind ja überaus aktiv auf LinkedIn mit immer viel Resonanz. Warum interessiert das Thema «Family Office» so viele Leute?

Hill: Man sollte LinkedIn nicht über­schätzen, aber auch nicht unter­schätzen – XING scheint hier etwas in die Defen­sive geraten zu sein. Ich betrachte Social Media primär als Kanal, um mit einer grossen Anzahl von Markt­teil­nehmern über lange Zeit im lockeren Kontakt zu bleiben oder nutze es aktiver (MH-Trans­parenz), wenn ich sozu­sagen bestimmte Themen einmal visibler machen möchte. Ich selber freue mich, wenn Leute mich auf Dinge aufmerksam machen. Der Reiz besteht für mich im Austausch der Gedanken, in inte­res­santen Einla­dungen oder auch einfach im Input zu Themen wie Finanzen und auch Kultur. Family Offices und Inte­resse – man kann da vielleicht verschie­dene Gruppen im Markt unter­scheiden. Presse, Inves­to­ren, Anbieter, Unter­nehmer etc. Ich selber arbeite seit 2005 auf eigene Rech­nung, kenne aber auch das Anstellungs­ver­hältnis aus Bank- und Asset- Manager-Zeit. Ich bewun­dere Hidden Champions, Leute die Dinge tun, die sie lieben und in denen sie im Laufe der Zeit immer besser werden. Man findet diese Persön­lich­keiten im Unter­nehmer­bereich, viele dieser Unter­nehmer findet man auch wieder in der Rolle des Principals bei bestimmten Single Family Offices. Der Austausch auf der Produkt­ebene mit diesen Adressen macht Spass, ab und an ergeben sich auch inte­res­sante Vernet­zungen mit Anbietern, die man gerne weiter­empfiehlt oder weiter­empfohlen bekommt. Und da ist dann halt die andere Gruppe im Markt, die vielleicht hier weniger inhalt­lich moti­viert ist, um in Kontakt mit dem jewei­ligen Family Office zu treten. Primar wird hier das Family Office als «Beute» gesehen, die es zu erlegen gilt. Bitte entschul­digen Sie meine bild­hafte Sprache, präziser ausge­drückt: Das Gegen­über wird hier vom Produkt­anbieter einfach nur in seiner Funktion als Einkäufer betrachtet. Das ist nichts Verwerf­liches, nur wird es halt zum Problem, wenn dem Family Office eines von den vorwiegend austausch­baren Produkten (Beispiel: Fonds) «aufge­drängt» werden soll. Dieses rein funktio­nale Inte­resse ist wahr­scheinlich ein sehr, sehr starker Treiber in diesem Markt. Man nennt es aber wohl auch nur einfach das legitime Verfolgen von Geschäfts­inte­ressen.

Markus Hill, unabhängiger Asset Management Consultant
Markus Hill, unabhängiger Asset Management Consultant

Caduff: Wenn man die Fach­presse liest, bekommt man den Eindruck, es würden solche Offices wie Pilze aus dem Boden schiessen und beste­hende immer grösser werden. Teilen Sie diesen Eindruck?

Hill: Ich gebe zu, dass der Begriff nach wie vor unscharf ist. Natürlich wird er aus Ver­triebs­inte­resse oft von Banken oder Vermö­gens­ver­waltern als Marketing-Label genutzt, diese Entwick­lung ist sozu­sagen im System «Freie Markt­wirt­schaft & Wett­bewerb» schon vorge­zeichnet. Namen sind nach bestimmter Zeit Schall und Rauch, die Leistung zählt dann, empfinde ich das nicht als zu bekla­gens­wert. Mein Gefühl ist sogar, dass das vielen «richtigen» Family Offices relativ egal ist, da diese sich in der Regel mit viel wesent­licheren Dingen beschäf­tigen als mit Themen wie Branding und Positio­nierung – gerade im Single-Family-Office-Segment. Um ein praktisches Beispiel zu nennen: Ich hatte einmal die Gele­genheit, mich fachlich kurz mit Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer und mit dessen Sohn Till Grönemeyer (Grönemeyer Health GmbH) auszu­tauschen. Beide besitzen eine tiefe Exper­tise in Sachen Health­care. Im letzten Jahr wurde von der Familie, in Kombi­nation mit externen Dienst­leistern (Christian Exner & Team), auch ein liquider Publi­kums­fonds zu diesem Thema aufge­legt. Bei dem Gedan­ken­austausch ging mir spontan durch den Kopf, dass diese fami­liäre Konstel­lation mit dieser starken fach­lichen Ausrich­tung in Kombi­nation mit der Inves­toren­eigen­schaft meiner Ansicht nach eher einer Single-Family-Office-Struktur nahe­kommt, im Vergleich zur Struktur von diversen anderen Single Family Offices. Konkretes Gegen­beispiel in einem anderen Markt­segment, Thema Immo­bilien­ent­wickler: Im Extrem­fall hat man hier das Gefühl, dass sich einige dieser Adressen noch gerne die Bezeichnung Single Family Office zulegen oder gerne zulegen würde – fairer­weise ist dies nur auf die Adressen zutreffend, die sich vielleicht eher in der Rolle des «Vermarkters» sehen. Manch­mal sind nach aussen diese Strukturen nicht auf den ersten Blick erkennbar für Dritte: Spreche ich mit einem Family Office oder mit dem Immo­bilien­ent­wickler, der sich mit der Repu­tation seines «Kern-Seeders» schmückt. Auch das ist nichts Besorg­niser­regendes, fördert aber nicht unbedingt die Transparenz im Markt.

Caduff: Das können Sie uns sicher sagen: in welcher deutschen Stadt gibt es die meisten und grössten Family Offices?

Hill: Ich weiss, dass ich (fast) nichts weiss. Ernsthaft gesprochen: Natürlich weiss ich das nicht, dazu sind die Grenzen entweder oft zu ver­schwommen zwischen Single Family Office, Multi Family Office und reinen Vermö­gens­ver­waltern. Und ich wäre vorsichtig, wenn jemand behaupten würde, dass er hier transparent über alles – Adressen, Investments, Invest­menthöhe und AuM (Assets under Mana­gement) als Infor­mation verfügen würde. Ich lasse mich aber gerne von sach­kundigen Dritten des Gegen­teils über­zeugen.

Caduff: Ist die Feststellung richtig, dass dieses Geschäft doch sehr stark örtlich verwurzelt ist?

Hill: Grundsätzlich, vom lokalen Mittel­stand aus­gehend, würde ich der Aussage zustimmen. Ander­seits ist es aber so, dass auch viele dieser Adressen wiederum geschäft­lich auch ausser­halb Deutsch­lands erfolg­reich agieren oder zum Beispiel in Sachen Asset Protection einen Anreiz haben, die Fühler stärker inter­national auszu­strecken. Corona, Immo­bilien­markt, Inflation, EZB-Politik – alles Gründe, die Leute in kreativer Bewegung halten, nicht nur im Family-Office-Bereich. Man muss halt Kern­geschäft und den Bereich Asset Mana­gement gesondert betrachten, kenn es deshalb weniger eindeutig beant­worten.

Caduff: Sie publizieren auch häufig über Themen wie Family Offices, Fonds­boutiquen und Fonds­selektion. Auch in Corona Zeiten – mit welchen Themen beschäf­tigen Sie sich in 2021 intensiver?

Hill: Ampega und Hansainvest unter­stützen mich netter­weise dabei, dass ich mich stark mit verschie­denen Fonds­boutiquen-Themen inhaltlich und publi­zierend ausein­ander­setzen kann (Stich­worte: Fonds­manager­Runde, Auf.Den.Punkt., Fonds­tique etc.). Durch unser beider dama­liges Kennen­lernen in Frankfurt (Caduff / Hill) hat sich unter anderem der Gedanken­austausch mit Alex Rauchenstein von SIA Funds AG ergeben. Aufgrund der Mode­ration und den gemein­samen Einla­dungen zu deren Inves­toren-Events mit Prof. Dr. Carlos Jarillo in Frankfurt und anderen Städten in Deutschland habe ich einen guten Einblick in die Denke von Schweizer Fonds­boutiquen erhalten. Aufgrund des Kennen­lernens von David Gamper vom Liechten­stei­nischen Anlage­fonds­verband (LAVF) bei einer Frank­furter Veran­staltung habe ich mich in den letzten Jahren stärker mit dem Thema Schweizer Asset Manager und Fonds­juris­dik­tionen befasst (Verhältnis: DACH-Region, Luxem­burg & Liechten­stein etc.). Zudem war ich ja früher selber bei der Credit Suisse Asset Mana­gement in Frankfurt tätig, zusätzlich hatte ich aufgrund eines dama­ligen Dach­fonds­manager-Mandats auch die Gele­genheit gehabt, im «Liechten­steiner Volks­blatt» über das Thema Fonds­boutiquen zu schreiben. Inte­res­santer­weise begleite ich gerade ein Projekt mit Bezug zum Thema Schweizer Asset Manager (Plenum Investments AG) in Kombi­nation mit einer Liechten­steiner KVG. Hier wird mir die Möglich­keit gegeben, mich fachlich etwas tiefer mit dem Themen­feld Cat Bonds / Insu­rance-Linked Secu­rities ausein­ander­zu­setzen. Durch Martin Friedrich von Lansdowne Partners Austria (LPA) bin ich bei einem Interview zufällig auf dieses Themen­feld aufmerksam gemacht worden. Als Dach­fonds­manager hat er sich viele Anbieter in diesem Segment angesehen. Das Schreiben zu diesen Themen­kreisen ergänzt sehr gut die reine Ana­lyse­tätig­keit, man betrachtet Konzepte zusätzlich durch eine andere Brille. Alle die genannten Adressen befassen sich stärker mit dem Thema ESG in 2021, auf KVG- wie auch Boutiquen-Ebene. Konkret – trotz Corona-Zeiten hoffe ich auf Live-Events in der zweiten Jahres­hälfte, vielleicht bin ich auch zu opti­mistisch, ein Fach-Webinar ist auf jeden Fall in Planung, wird sozu­sagen «orga­nisch» ange­dacht. Neben Value-Investment-Mode­ration im Herbst in Frankfurt (Fonds­kongress in Mannheim mit Frage­zeichen – Corona) freue ich mich auf den 12. Mai 2021, da ich ein «Wieder­sehen» mit Tobias Karow und Kollegin (STIFTUNGSMARKTPLATZ.EU) haben werde. Bei seinem virtuellen Stiftungs­tag bekommen diese Inves­toren eine Plattform zum Gedanken­austausch zum Thema Vermö­gens­ver­waltung geboten. Nur so viel möchte ich verraten: Als Panelist werde ich hier bestimmt einen interessanten Gedanken­austausch zu dem Themen Asset Allo­cation, Aktien, Renten und Franzis­kaner haben. Nicht zuletzt freue ich mich natürlich auf die «Mountain Talks» von Ihnen in St. Moritz, genauso wie auf ein persön­liches Wieder­sehen bei Ihrem «Experten-Lunch» in Frankfurt, in 2021 oder aber 2022 – natürlich brauchen wir alle in der Branche Glück und Gesund­heit, damit man sich im zweiten Halb­jahr wieder persönlich die Hände schütteln kann!


Zur Person
Markus Hill ist seit Mitte 2005 unab­hän­giger Asset Mana­gement Consultant. Be­ruf­licher Hinter­grund sind u.a. Firmen wie SEB Bank (Marketing/Produkt­mana­ge­ment, Invest­ment Banking) und Credit Suisse Asset Mana­gement (Vertrieb, Asset Mana­gement). Zu seinen Tätig­keits­feldern gehören die Betreuung von Mandaten im Marketing-, PR-Bereich und Fonds­se­lektion. Als ehe­ma­liger Head of Sales Pub­li­kums­fonds bei einer Invest­ment­bou­tique (Aktien und Renten) und in der exter­nen Zusam­men­arbeit mit einem Dach­fonds­manager stehen kleine- bis mittel­grosse Asset-Mana­gement-Firmen im Fokus seines Inte­resses. Zusätzlich beschäf­tigt er sich journa­listisch mit den Themen Fonds­bou­tiquen (fondsboutiquen.de) und Einsatz von Publi­kums­fonds bei Insti­tutio­nellen sowie mit der Thematik Ziel­fonds­auswahl bei Multi-Mana­gement-Ansätzen. Zusätzlich liegt ihm der Finanz­platz Frankfurt als Ort des Gedanken­austausches am Herzen – «Kunst, Kultur & Finanzen auf kleiner Flamme».

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Quelle: www.fundplat.com

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