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  • Nachhaltige Geldanlagen, ESG-Kriterien, Klimawandel und Ratings – bei vielen privaten und institutionellen Investoren stehen diese Themen im Fokus. Markus Hill sprach mit Roland Kölsch, Qualitätssicherungsgesellschaft Nachhaltiger Geldanlagen (QNG), über diesen Themenkreis und über die speziellen Besonderheiten und Herausforderungen beim Ratingprozess von CAT Bonds (Insurance-Linked Securities). In dem Gespräch werden die Besonderheiten der Asset-Klasse Katastrophenanleihen, der Zusammenhang zu Themen wie Nachhaltigkeitskriterien (SDGs), „Impact Investing“ und auch die Vorteile und Nachteile dieses speziellen Marktsegments thematisiert. Die vor kurzem stattgefundene Emission von CAT Bonds („Rotes Kreuz & Vulkane“) und die aktuelle Suche von Investoren nach alternativen Anlagemöglichkeiten in der Niedrigzinsphase unterstreicht die Aktualität des Themas. Hill: Herr Kölsch, Sie verantworten nun schon bereits im fünften Jahr den Qualitätsstandard Nachhaltiger Geldanlagen, das FNG-Siegel. Erläutern Sie doch mal, was es damit auf sich hat? Kölsch: Aus der Motivation heraus, den wachsenden Wildwuchs an Nachhaltigen Geldanlagen in gewisse Bahnen zu lenken, haben sich 2012 verschiedene Stakeholder zusammengefunden, um in einer dreijährigen Entwicklungsarbeit Kriterien zur Einordnung der Qualität Nachhaltiger Finanzprodukte zu erarbeiten. Unter Mitwirkung von Finanzberatern, Asset Ownern, Ratingagenturen, Wissenschaft, Kirche, Asset Managern und NGOs wurde das Gütezeichen 2015 auf den Markt gebracht.Herausgekommen ist eine vielschichtige Methodik, die versucht, die unterschiedlichen Bausteine, die bei den verschiedenen Anlage-Wegen zu (mehr) Nachhaltigkeit zur Anwendung kommen, zu bewerten und in einem mehrstufigen Label auszudrücken. Die ganzheitliche Methodik basiert auf einem Mindeststandard. Dazu zählen Transparenzkriterien und die Berücksichtigung von Arbeits- & Menschenrechten, Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung wie sie im weltweit anerkannten UN Global Compact zusammengefasst sind. Auch müssen alle Unternehmen des jeweiligen Fonds komplett auf Nachhaltigkeits-Kriterien hin analysiert werden. Tabu sind Investitionen in Atomkraft, Kohlebergbau, bedeutsame Kohleverstromung, Fracking, Ölsande sowie Waffen und Rüstung. Hochwertige Nachhaltigkeits-Fonds, die sich in den Bereichen „institutionelle Glaubwürdigkeit“, „Produktstandards“ und „Portfolio-Fokus“ (Titelauswahl, Engagement und KPIs) besonders hervorheben, erhalten bis zu drei Sterne. Roland Kölsch, Geschäftsführer der Qualitätssicherungsgesellschaft Nachhaltiger Geldanlagen(QNG) Dabei geht das FNG-Siegel weit über die reine Portfoliobetrachtung hinaus und beinhaltet quantitative und qualitative Elemente. Mit über 80 Fragen wird z.B. der Nachhaltigkeits-Anlagestil, der damit einhergehende Investmentprozess, die dazugehörigen ESG-Research-Kapazitäten und ein evtl. begleitender Engagement-Prozess analysiert und bewertet. Darüber hinaus spielen Elemente wie Reporting, Kontroversenmonitoring, ein externer Nachhaltigkeitsbeirat und die Fondsgesellschaft als solche eine wichtige Rolle.Je vielschichtiger und intensiver ein Fonds auf den verschiedenen Ebenen aktiv, umso höher ist seine Nachhaltigkeits-Qualität und das Potential, letztendlich indirekten und direkten Impact zu erzielen. Hill: Nun klingt das so, als ob hierbei nur die üblichen Aktien-, Renten- oder Mischfonds bewertet werden. Kölsch: Da die Mehrheit des Produktangebots auf dem Markt aus diesen Assetklassen stammt, bewerben sich auch überwiegend Finanzprodukte, die aus diesen klassischen Anlageformen kommen. Allerdings findet man unter den von uns ausgezeichneten Investmentfonds immer mehr nicht ganz so gewöhnliche Anlagekonzepte wie z.B. Wandelanleihen, High Yield, Emerging Markets, Wertsicherungs- und Nachrangkonzepte. Mikrofinanz steht aktuell vor der Tür und bei Immobilien wird gerade die Transparenz-Grundlage geschaffen. Exotisch wurde es 2018 als wir nach über einem Jahr Vorarbeit den ersten Cat Bonds Fonds auf seine Nachhaltigkeits-Qualität prüften. Hill: Wieso exotisch? Kölsch: Was sich sehr einfach anhört ist alles andere als trivial. Denn bei einem Cat Bond geht es zwar letztlich um eine Anleihe, diese ist aber wiederum in eine mehrgliedrige Struktur unterteilt. Ein Cat Bond ist ein Konstrukt mit verschiedenen Komponenten und Akteuren.Nicht die Versicherungsgesellschaft emittiert die Cat Bonds, sondern eine eigens dafür gegründete Zweckgesellschaft, die zwischen dem Investor und der Versicherung steht. Anders als bei ABS hat diese den Zweck, mit der Versicherung als sog. Sponsor/Zedenten einen Rückversicherungsvertrag abzuschließen. Die potenziellen Verpflichtungen, die aus diesem Vertrag entstehen, werden durch die Emission einer Anleihe finanziert, in die die Anleger:in dann investiert.Eine weitere Komponente ist die Versicherungsprämie. Sie wird bei der Emission fest ausgehandelt und muss die über den Rückversicherungsvertrag eingegangenen Risiken adäquat entschädigen. Die Prämie wird vom Sponsor, also vom Versicherer, bezahlt und dann zusammen mit der Geldmarktkomponente in Form eines Coupons der Anleger:in ausgezahlt. Zusammenfassend erhält die Anleger:in einen variablen Teil aus der Geldmarktkomponente und eine fixe Entschädigung für das Versicherungsrisiko. Hill: Was macht denn solch eine exotische Assetklasse wie Cat Bonds grundsätzlich so attraktiv? Kölsch: Cat-Bonds sind Anleihen, über die Versicherungsschäden aus seltenen Naturkatastrophen gedeckt werden. Katastrophenanleihen beziehen sich in der Regel auf Wirbelstürme, Überschwemmungen, Erdbeben und Pandemien und eignen sich deshalb gut zur Diversifikation größerer Portfolios, da Naturkatastrophen nichts mit der Börse zu tun haben und verschiedene Katastrophen untereinander wiederum kaum miteinander korreliert sind. Der Wert eines Cat Bonds schwankt kaum, solange das definierte Schadenereignis nicht eintritt, denn das Geld wird in sicheren, kurz laufenden Anleihen geparkt. Gegenpartei- und Zinsrisiko sind gering, es wird ein fixer Zins über Geldmarktniveau gezahlt. Die Anleihen werden zum Nominalwert emittiert und am Ende der Laufzeit zu 100% zurückbezahlt. In einem vorab zu definierenden Fall des Eintritts einer „Katastrophe“, sog. Trigger-Events (meist während eines festgelegten Zeitraums von drei bis fünf Jahren) wird die gesamte Höhe bzw. zumindest ein Teil des eingezahlten Kapitals an den Emittenten der Anleihe transferiert. Das Risiko besteht also darin, dass Anleger:innen, wenn es zu solchen Katastrophen kommt, Geld verlieren. Die Verlust-Wahrscheinlichkeit wird mit höheren Zinsen kompensiert. Gerade in Zeiten von Null- und sogar Minuszinsen bieten Cat Bonds also einen nicht uninteressanten Yield-Pickup und ermöglichen (qualifizierten) Investoren eine Verbesserung ihres Rendite-Risiko-Profils.Mit der Verbriefung von Katastrophenrisiken auf dem Finanzmarkt wird eine zusätzliche Versicherungsmöglichkeit geschaffen, die es oft überhaupt erst ermöglicht, dass (Spitzen)Risiken versichert werden können, die ansonsten kein einzelner Versicherer aufs Buch nehmen würde.So hat kürzlich das dänische Rote Kreuz einen Cat Bond platziert, der Vulkanismusrisiken in Entwicklungsländern deckt und zur Finanzierung von Hilfsmaßnahmen gedacht ist.Es geht also bei Eintritt einer (Natur)Katastrophe immer um konkrete Mittelverwendung, sog. „use of proceeds“. Hill: Das wäre doch völlig im Sinne der SDGs der Weltgemeinschaft. Kölsch: Die 17 Nachhaltigkeitsziele mit ihren 169 Unterzielen stellen ein gut verständliches Rahmenwerk zusammengefasster Herausforderungen der Weltgemeinschaft dar, für die es bis 2030 Lösungen erfordert. Auch vom Kapitalmarkt. In der EU wird hochaktuell der Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums umgesetzt, die sog. Sustainable Finance Regulatorik.Nun haben die Macher der Gesetze in Brüssel allerdings den ILS-Markt in ihren Überlegungen nicht berücksichtigt, sprich Cat Bonds sind „out of scope“ der Regulatorik. Hier besteht

  • Caduff: Herr Hill, Sie sind ein erstklassiger Kenner der Family-Office-Land­schaft in Deutsch­land. Nicht umsonst nennt man Sie auch «Mr. Family Office». Kommen Sie geschäft­lich gut durch die Krise? Hill: Family Offices, ähnlich wie der klassische Mittel­stand und Fonds­boutiquen, sind bekanntlich «Lang­frist­denker». Viele der Dienst­leister in diesem Segment sind mir ja bekannt. Feed­back bei mir und auch von diversen anderen Dienst­leistern: Die Dinge laufen weiter, manch­mal mit etwas weniger Tempo. Inte­ressant ist jedoch, dass es auch wieder neue Anbieter mit inte­ressanten Services gibt, zum Beispiel Peter Brock und Christian Stadermann (BEEWYZER) – ich bin aufgrund von gemein­samen Panel­diskus­sionen hier vielleicht etwas selektiv und befangen, das gebe ich zu. Kurzum, im Gegen­teil: Die Dinge haben sich trotz «Krise» viel besser ent­wic­kelt, als ich es erwartet hätte. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass man schon lange Zeit vorher digital gesehen sehr gut aufge­stellt war. Caduff: Sie sind ja überaus aktiv auf LinkedIn mit immer viel Resonanz. Warum interessiert das Thema «Family Office» so viele Leute? Hill: Man sollte LinkedIn nicht über­schätzen, aber auch nicht unter­schätzen – XING scheint hier etwas in die Defen­sive geraten zu sein. Ich betrachte Social Media primär als Kanal, um mit einer grossen Anzahl von Markt­teil­nehmern über lange Zeit im lockeren Kontakt zu bleiben oder nutze es aktiver (MH-Trans­parenz), wenn ich sozu­sagen bestimmte Themen einmal visibler machen möchte. Ich selber freue mich, wenn Leute mich auf Dinge aufmerksam machen. Der Reiz besteht für mich im Austausch der Gedanken, in inte­res­santen Einla­dungen oder auch einfach im Input zu Themen wie Finanzen und auch Kultur. Family Offices und Inte­resse – man kann da vielleicht verschie­dene Gruppen im Markt unter­scheiden. Presse, Inves­to­ren, Anbieter, Unter­nehmer etc. Ich selber arbeite seit 2005 auf eigene Rech­nung, kenne aber auch das Anstellungs­ver­hältnis aus Bank- und Asset- Manager-Zeit. Ich bewun­dere Hidden Champions, Leute die Dinge tun, die sie lieben und in denen sie im Laufe der Zeit immer besser werden. Man findet diese Persön­lich­keiten im Unter­nehmer­bereich, viele dieser Unter­nehmer findet man auch wieder in der Rolle des Principals bei bestimmten Single Family Offices. Der Austausch auf der Produkt­ebene mit diesen Adressen macht Spass, ab und an ergeben sich auch inte­res­sante Vernet­zungen mit Anbietern, die man gerne weiter­empfiehlt oder weiter­empfohlen bekommt. Und da ist dann halt die andere Gruppe im Markt, die vielleicht hier weniger inhalt­lich moti­viert ist, um in Kontakt mit dem jewei­ligen Family Office zu treten. Primar wird hier das Family Office als «Beute» gesehen, die es zu erlegen gilt. Bitte entschul­digen Sie meine bild­hafte Sprache, präziser ausge­drückt: Das Gegen­über wird hier vom Produkt­anbieter einfach nur in seiner Funktion als Einkäufer betrachtet. Das ist nichts Verwerf­liches, nur wird es halt zum Problem, wenn dem Family Office eines von den vorwiegend austausch­baren Produkten (Beispiel: Fonds) «aufge­drängt» werden soll. Dieses rein funktio­nale Inte­resse ist wahr­scheinlich ein sehr, sehr starker Treiber in diesem Markt. Man nennt es aber wohl auch nur einfach das legitime Verfolgen von Geschäfts­inte­ressen. Markus Hill, unabhängiger Asset Management Consultant Caduff: Wenn man die Fach­presse liest, bekommt man den Eindruck, es würden solche Offices wie Pilze aus dem Boden schiessen und beste­hende immer grösser werden. Teilen Sie diesen Eindruck? Hill: Ich gebe zu, dass der Begriff nach wie vor unscharf ist. Natürlich wird er aus Ver­triebs­inte­resse oft von Banken oder Vermö­gens­ver­waltern als Marketing-Label genutzt, diese Entwick­lung ist sozu­sagen im System «Freie Markt­wirt­schaft & Wett­bewerb» schon vorge­zeichnet. Namen sind nach bestimmter Zeit Schall und Rauch, die Leistung zählt dann, empfinde ich das nicht als zu bekla­gens­wert. Mein Gefühl ist sogar, dass das vielen «richtigen» Family Offices relativ egal ist, da diese sich in der Regel mit viel wesent­licheren Dingen beschäf­tigen als mit Themen wie Branding und Positio­nierung – gerade im Single-Family-Office-Segment. Um ein praktisches Beispiel zu nennen: Ich hatte einmal die Gele­genheit, mich fachlich kurz mit Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer und mit dessen Sohn Till Grönemeyer (Grönemeyer Health GmbH) auszu­tauschen. Beide besitzen eine tiefe Exper­tise in Sachen Health­care. Im letzten Jahr wurde von der Familie, in Kombi­nation mit externen Dienst­leistern (Christian Exner & Team), auch ein liquider Publi­kums­fonds zu diesem Thema aufge­legt. Bei dem Gedan­ken­austausch ging mir spontan durch den Kopf, dass diese fami­liäre Konstel­lation mit dieser starken fach­lichen Ausrich­tung in Kombi­nation mit der Inves­toren­eigen­schaft meiner Ansicht nach eher einer Single-Family-Office-Struktur nahe­kommt, im Vergleich zur Struktur von diversen anderen Single Family Offices. Konkretes Gegen­beispiel in einem anderen Markt­segment, Thema Immo­bilien­ent­wickler: Im Extrem­fall hat man hier das Gefühl, dass sich einige dieser Adressen noch gerne die Bezeichnung Single Family Office zulegen oder gerne zulegen würde – fairer­weise ist dies nur auf die Adressen zutreffend, die sich vielleicht eher in der Rolle des «Vermarkters» sehen. Manch­mal sind nach aussen diese Strukturen nicht auf den ersten Blick erkennbar für Dritte: Spreche ich mit einem Family Office oder mit dem Immo­bilien­ent­wickler, der sich mit der Repu­tation seines «Kern-Seeders» schmückt. Auch das ist nichts Besorg­niser­regendes, fördert aber nicht unbedingt die Transparenz im Markt. Caduff: Das können Sie uns sicher sagen: in welcher deutschen Stadt gibt es die meisten und grössten Family Offices? Hill: Ich weiss, dass ich (fast) nichts weiss. Ernsthaft gesprochen: Natürlich weiss ich das nicht, dazu sind die Grenzen entweder oft zu ver­schwommen zwischen Single Family Office, Multi Family Office und reinen Vermö­gens­ver­waltern. Und ich wäre vorsichtig, wenn jemand behaupten würde, dass er hier transparent über alles – Adressen, Investments, Invest­menthöhe und AuM (Assets under Mana­gement) als Infor­mation verfügen würde. Ich lasse mich aber gerne von sach­kundigen Dritten des Gegen­teils über­zeugen. Caduff: Ist die Feststellung richtig, dass dieses Geschäft doch sehr stark örtlich verwurzelt ist? Hill: Grundsätzlich, vom lokalen Mittel­stand aus­gehend, würde ich der Aussage zustimmen. Ander­seits ist es aber so, dass auch viele dieser Adressen wiederum geschäft­lich auch ausser­halb Deutsch­lands erfolg­reich agieren oder zum Beispiel in Sachen Asset Protection einen Anreiz haben, die Fühler stärker inter­national auszu­strecken. Corona, Immo­bilien­markt, Inflation, EZB-Politik – alles Gründe, die Leute in kreativer Bewegung halten, nicht nur im Family-Office-Bereich. Man muss halt Kern­geschäft und den Bereich Asset Mana­gement gesondert betrachten, kenn es deshalb weniger eindeutig beant­worten. Caduff: Sie publizieren auch häufig über Themen wie Family Offices, Fonds­boutiquen und Fonds­selektion. Auch in

  • Jeder Fondsstandort hat seine speziellen Stärken, Vielfalt belebt das Geschäft. Markus Hill sprach für FONDSBOUTIQUEN.DE mit David Gamper, Geschäftsführer des LAFV Liechtensteiner Anlagefondsverband, über Themen wie Fondsauflage, Immobilien, Blockchain, AIFM, Family Offices und Innovations-Clubs. Zusätzlich wurden die spezielle, kooperationsorientierte Konstellation der Finanzplätze Schweiz und Liechtenstein diskutiert sowie die Bedeutung der Themen ESG und Nachhaltigkeit für das Fondsdomizil (Link / Aufzeichnung – 25.3.2021: «ESG Webinar – Fondsplatz Liechtenstein und Nachhaltigkeit – Was Fondspromotoren und Vermögensverwalter wissen müssen»   – LAFV & PwC Liechtenstein / Schweiz). Hill: Welche Rolle spielt für den Fondsstandort Liechtenstein der Bereich Immobilien? Gamper: Immobilien waren bis vor ein einigen Jahren noch unterrepräsentiert, holen aber sukzessive auf. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass früher die Fondsinitiatoren hauptsächlich aus der Schweiz kamen und diese kaum Immobilienfonds im Ausland aufgelegt haben. Mit der Internationalisierung der Fondsinitiatoren ging auch die Zunahme der Immobilienfonds einher, denn Liechtenstein kann sehr vorteilhafte regulatorische Rahmenbedingungen vorweisen. Liechtenstein ist Mitglied des EWR und übernimmt die AIFM Richtlinie der EU. Dadurch bietet der Fondsplatz die nahezu identischen Möglichkeiten wie andere Fondsdomizile in Europa, z.B. die SICAV oder das Sondervermögen. Wer diesbezüglich interessiert ist, der findet auf der Webseite des LAFV eine Fondsbroschüre inklusive Übersicht über die Rechtsformen und Strukturierungsmöglichkeiten in Liechtenstein. Eines der wichtigsten Merkmale des Fondsplatzes Liechtenstein ist die Finanzmarktausicht (FMA). Nicht nur die sehr kurze Zulassungszeit von drei bis vier Tagen für neue Produkte hebt Liechtenstein deutlich von anderen Fondsdomizilen ab, sondern insbesondere die kooperative und lösungsorientierte Arbeitsweise der FMA. Dies wirkt sich für alle Beteiligten in Bezug auf Planbarkeit und Zeitaufwand sehr positiv aus. Die gute Zusammenarbeit zeigt sich auch daran, dass es zwischen FMA und LAFV abgestimmte Musterdokumente für die Neuauflage von Fonds gibt. Der Qualitätsanspruch auf die regulatorisch notwendigen konstituierenden Dokumente wurde bewusst standardisiert, um somit den Fokus auf die reale Umsetzung der Prozesse zu legen, die die Grundlage der Vermögensmehrung und damit Grundlage eines qualitativen Anlegerschutzes sind. Als Beispiel sei die neue Regelung zur Bewertung von Vermögensgegenständen genannt. Nicht zuletzt deshalb ist kürzlich ein deutscher AIFM, der einen Schwerpunkt auf Immobilien legt, mit einem eigenen AIFM nach Liechtenstein expandiert. David Gamper, Geschäftsführer des LAFV Liechtensteinischer Anlagefondsverband Hill: Würden Sie den Finanz- und Fondsplatz Liechtenstein als innovativ bezeichnen? Gamper: Liechtenstein ist einerseits sehr traditionell und denkt in Generationen. Das äussert sich auch in seiner politischen und wirtschaftlichen Stabilität. Andererseits ist es aus meiner Sicht auch sehr innovativ. Denken wir nur einmal an das europa- oder vielleicht sogar weltweit erste umfassende «Blockchain-Gesetz». Auch der erste Kryptoasset Fonds nach europäischem Recht, der nun mit enormen Renditen von sich reden macht, wurde in Liechtenstein zugelassen, ebenso wie der erste Fonds, der auf Token-Basis gehandelt werden kann. In Liechtenstein gibt es eine Reihe von Institutionen, die Innovationen im Finanzbereich fördern. Von Regierungsseite gibt es die Stabstelle für Finanzplatzinnovation, die die Innovationsprozesse von Finanzdienstleistern und finanzmarktnahen Unternehmen unterstützt. Zur Verbesserung der staatlichen Rahmenbedingungen gibt es auch die sogenannten Innovations-Clubs. Jeder kann seine Bedürfnisse der Regierung auf einfachem Weg mitteilen. Auch ist es möglich sich mit Gleichgesinnten in einem Innovations-Club auszutauschen. Dadurch wird ein effizienter Prozess zur Verbesserung der Rahmenbedingungen oder weiterer staatlicher Tätigkeitsfelder ermöglicht. Auch die Fondsbranche hat hier schon Ideen eingebracht und es wird sehr schnell reagiert, um Lösungen zu finden. Interessant ist auch die Einrichtung des Regulierungslabors bei der Finanzmarktaufsicht (FMA). Innovative Geschäftsmodelle wie Fintechs passen oft nicht in die klassischen Regulierungskategorien. Bei der Finanzmarktaufsicht Liechtenstein wurde deshalb ein Kompetenzteam für eben diese innovativen Geschäftsmodelle eingerichtet. Dadurch erhalten interessierte Unternehmen einen direkten Zugang zu speziell qualifizierten Ansprechpartnern für einen möglichst hindernisfreien und zügigen Bewilligungsprozess. Hill: Wie ist das Verhältnis zwischen Liechtenstein und der Schweiz, ist das in der Fondsbranche eher ein Konkurrenzverhältnis oder eine Zusammenarbeit? Gamper: Ich denke zwischen allen Fondsdomizilen in Europa gibt es einen gesunden Wettbewerb. Von einem besonderen Konkurrenzverhältnis zwischen der Schweiz und Liechtenstein kann ich nicht sprechen, dafür ist die Ausgangsbasis zu verschieden. Schweizer Fonds können nicht vom EU-Pass profitieren, da die Schweiz nicht Mitglied des EWR ist. Somit ist ein Vertrieb in Europa nur sehr eingeschränkt möglich. Auf der anderen Seite haben Anleger aus der Schweiz den Vorteil, dass sie bei heimischen Fonds bei der Ausgabe keine Stempelsteuer bezahlen müssen. Somit würde ich sagen, dass tendenziell die Herkunft der Anleger die Wahl zwischen den zwei Fondsdomizilen bestimmt. Sind diese nur in der Schweiz, dann setzt man einen Fonds nach Schweizer Recht auf. Sind diese in Europa, dann nimmt man ein Fondsdomizil in einem EWR-Staat. Ganz besonders vorteilhaft ist Liechtenstein, wenn die Anleger sowohl aus der Schweiz als auch aus dem EWR Raum kommen. Es ist nämlich das einzige Fondsdomizil mit EU-Pass und Stempelsteuerprivileg für Anleger in der Schweiz. Somit gibt es nicht wirklich eine Konkurrenz, ich sehe hier eher die Vorteile der Kooperation. Sehr viele Dienstleistungen der liechtensteinischen Fondsanbieter werden in die Schweiz delegiert und somit dort erbracht. Teilweise kommen auch die Eigentümer der liechtensteinischen Fondsgesellschaften aus der Schweiz oder es gibt dort Mutter-, Schwester- oder Tochtergesellschaften. Nicht zuletzt kommt ein sehr grosser Teil der Fondsinitiatoren aus der Schweiz. Es ist also eine Zusammenarbeit mit der Schweiz, eine sehr gute sogar. Hill: Family Offices hatten in 2020 Liechtenstein als Standort für die Fondsauflage im Blick. Nehmen Sie auch in 2021 hier weiterhin ein starkes Interesse wahr? Gamper: Wir haben ja schon darüber gesprochen. Family Offices zeigen nicht unerhebliches Interesse an liechtensteinischen Fonds als Instrument für die Vermögensstrukturierung. Seit unserem letzten Gespräch haben die Anfragen beziehungsweise Aktivitäten diesbezüglich sogar zugenommen. Ebenso stellen wir fest, dass Liechtenstein vermehrt auch als Standort für Family Offices selbst in Frage kommt und Sitzverlegungen in Betracht gezogen werden. Es gibt für beide erwähnten Varianten einige sehr konkrete Projekte, die in absehbarer Zeit realisiert werden. Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage weiter zunehmen wird. Liechtenstein ist sowohl für Family Offices als auch für Fonds steuerlich attraktiv und bietet rechtlich, politisch und wirtschaftlich ein stabiles Umfeld. Das sind ideale Voraussetzungen für eine generationenübergreifende Vermögensplanung und -verwaltung. Auch das Know-how ist in Liechtenstein ein grosser Vorteil. Immerhin hat die langfristige Vermögensverwaltung hierzulande grosse Tradition. Entsprechend ist auch sehr

  • Im Dezember letzten Jahres fand auf der Branchen-Plattform ARTEMIS eine Paneldiskussion zum Thema ESG und Insurance-Linked Securities (CAT Bonds) statt. Markus Hill sprach für FONDSBOUTIQUEN.DE mit Nico Rischmann, Plenum Investments AG, über die Herausforderungen in diesem Marktsegment, Investor Education und über die Notwendigkeit der Kooperation in der Branche (Sponsoren & Asset Management). Inhaltlich angesprochen wurden Themen wie Regulierung, Unternehmertum, die Bedeutung von «Tail-Risiken» und Produktmanagement. Zusätzlich wurden Themen wie Ratings, Risikomanagement, Naturkatastrophen und über optimale Einstiegszeitpunkte im CAT Bonds-Segment für Investoren in 2021 diskutiert. Hill: ESG stösst als Thema derzeit auf ein starkes Interesse. Sie und Ihr Kollege Dirk Schmelzer hatten im Dezember noch eine Paneldiskussion zum Thema Nachhaltigkeit und Insurance-Linked Securities (ILS) auf der Branchen-Plattform ARTEMIS initiiert. Die Großen der Branche waren auch mit von der Partie. Wie kam es zu dieser Idee? Rischmann: Wir hatten zur Diskussion eingeladen, weil wir den Eindruck gewonnen hatten, dass die ILS-Branche in den letzten drei Jahren beim Thema «Transparenz der Versicherungsbücher» keine Fortschritte gemacht hat. Im ersten Schritt versuchen wir den Zedenten und Versicherungsbrokern gegenüber aufzuzeigen, dass nicht ESG-konformes Verhalten zu einem erheblichen Rückgang der CAT Bond-Nachfrage führen wird, denn ca. 45 % der ILS-/CAT Bond-Nachfrage stammt aus Europa. Wir möchten unsere Branche ausdrücklich auf die Gefahr aufmerksam machen, dass man in Zukunft möglicherweise Investoren verlieren kann. Unser Roundtable war der Beginn einer Reihe von Themen, die wir noch abarbeiten müssen, um einen allgemein anerkannten Best Practice-Standard in einer Anlageklasse zu etablieren, die nicht der herkömmlichen Analysemethodik von ESG entspricht. An dieser Stelle möchte ich sowohl an die Mitglieder der Wertschöpfungskette des CAT Bond-Geschäfts als auch an unsere Mitbewerber appellieren, gemeinsam diesen Standard zu setzen. Nico Rischmann, Plenum Investments AG Hill: Was waren für Sie die wesentlichen Erkenntnisse der damaligen Diskussion? Rischmann: Erfreulich war, dass unsere Branche das Thema ernst nimmt. Das ist nicht so einfach, da wir mehrheitlich US-Risiken versichern beziehungsweise amerikanische Zedenten absichern, die nicht börsengelistet sind. Auch hat uns sehr positiv gestimmt, dass die Swiss Re aktiv darum bemüht ist, Nachhaltigkeit im Risikotransfermarkt zu implementieren. Auch die Versicherungsbroker scheinen sich zu bewegen. Wir sind in der Phase «Butter bei die Fische». Hill: Inwiefern besteht konkreter Handlungsbedarf für die verschiedenen Anbieter von ILS (CAT Bonds etc.) und bei Fondsmanagern, die diese Produkte einsetzen? Rischmann: Der konkrete Handlungsbedarf ist groß. Nicht nur, weil die entsprechenden Gesetzte nun umgesetzt werden, sondern viel mehr geht es um die Deutungshoheit beziehungsweise um die Frage, wie man den Anforderungen des Gesetzgebers entsprechen kann. Auch sehen wir im Markt die Möglichkeit eines Aufeinanderprallens von «Forms over Substance» und «Explain or Comply». Was will ich damit sagen? Wir sehen Investoren, die CAT Bonds analysieren indem sie den Emittenten beziehungsweise den Sponsor in das Zentrum der ESG-Analyse rücken – so als ob man hier in eine Aktie oder Anleihe des Versicherers investiert wäre. Da die ESG-Analyseagenturen kaum Informationen über das Versicherungsbuch verfügen, wird schwerpunktmäßig die Aktivseite der Versicherungsbilanz analysiert. Formal betrachtet entspricht diese Vorgehensweise der herkömmlichen ESG-Sichtweise. Auf das Halten reiner Rückversicherungsverträge übertragen, erscheint uns die Anwendung dieser Methode nicht zielführend. Man bräuchte dringend einen allgemein anerkannten Best Practice-Standard für CAT Bonds. Das ist derzeit die große Baustelle, denn die Offenlegungsverordnung mit ihrer Kategorisierung in Artikel 8 oder 9 wird diese Diskussion befeuern. Entweder kommt die sogenannte «Generalamnestie» für CAT Bonds oder es muss die Anwendung der RTS im übertragenen Sinne akzeptiert werden, um der speziellen Ausprägung von CAT Bonds gerecht zu werden. Denn keiner spricht dieser Anlageklasse den hohen gesellschaftlichen Beitrag ab, den man mit einem Investment zur Absicherung von Naturkatastrophenereignissen erreicht. Ich gehe nicht davon aus, dass der Gesetzgeber eigene RTS speziell für die ILS-Industrie entwickeln wird. Wie Sie wissen, haben wir vor drei Jahren begonnen, das Thema Nachhaltigkeit und CAT Bonds mit der notwendigen Ernsthaftigkeit in eine Form zu gießen. Wir haben uns damals entschieden, den Weg mit dem FNG-Siegel zu gehen. Es war ein sehr wichtiger Prozess für uns, um zu lernen, welche Sprache die Nachhaltigkeitsbranche spricht. Wir hörten immer wieder die Argumente aus unserer Branche, dass CAT Bonds per se nachhaltig sind. Grundsätzlich ist diese Aussage richtig. Aber man hilft unserer Branche damit nicht, da Investoren im Rahmen ihrer «Check-the-Box»-Due Diligence Antworten auf ihre Fragen benötigen. CAT Bonds sind immer noch kein Mainstream. Um in diese Richtung zu kommen, muss mehr Aufklärung stattfinden. Dies, weil wir davon überzeugt sind, dass eine genaue Kenntnis über den kapitalmarktbasierten Transfer von Versicherungsrisiken das notwendige Verständnis erzeugt, um zu erkennen, dass CAT Bonds nachhaltige Anlagen darstellen. Dazu gehört auch die Diskussion um den Impact von CAT Bonds. Die Swiss Re hat mit ihrer Diskussion um die iSDG (Integrated Sustainable Development Goals) einen ersten und wichtigen Schritt getan. Ferner sind wir überzeugt, dass es nun an der Zeit ist, dass sich die ILS-/CAT Bond-Branche weltweit im Sinne eines Verbandes organisiert. Denn der ILS-/CAT Bond- Markt hat sich zwischenzeitlich zu einer wesentlichen Säule der Rückversicherungswirtschaft im Bereich Naturkatastrophenrisiken entwickelt. Hill: Wann und wie sind Sie eigentlich persönlich auf das Thema CAT Bonds gestoßen?  Rischmann: Die Plenum Investments AG war Anfang 2000 der auf alternative Investments ausgelagerte Fondsmanagementarm der damaligen Plenum Gruppe. Unser Kerngeschäft war damals das Fund of Hedge Fund-Geschäft und wir waren auch in sogenannte »event-linked» Strategien investiert. Während der Finanzkrise waren wir überrascht, dass diese Anlageklasse kaum beeinträchtigt wurde. Für mich war danach klar, dass Vermögensverwaltung mehr sein muss als nur mit Volatilitäten umzugehen. Uns wurde vor Augen geführt, dass die Systemrisiken enorm waren. Apropos Systemrisiken, diese sind heute nicht weniger geworden. Beim Thema Verschuldung wurde inzwischen nochmals «’ne Schippe» draufgelegt. Lange Rede kurzer Sinn: Wer in der Vermögensverwaltungsindustrie die Tail-Risiken nicht oder nur unzureichend erfasst, wird es schwer haben, seine Glaubwürdigkeit gegenüber seinen Kunden aufrechtzuerhalten. Nach der Krise ist vor der Krise. Und ob der Vermögensverwaltungskunde die letzte Finanzkrise schon vergessen hat, darf bezweifelt werden. Also stand ich vor der Frage, wer kompetent mit Tail-Risiken umgehen kann: Die Rückversicherungsindustrie. Mir war schnell klar, dass die Versicherer etwas haben, wovon der Kapitalmarkt nur träumen kann. Stabil tiefe Korrelationen der im Portfolio befindlichen Positionen erlauben es, das

  • „Eins, zwei, drei, im Sauseschritt läuft die Zeit; wir laufen mit.“ (Wilhelm Busch). Frankfurt, Innovation, Resilienz und Unternehmertum – Markus Hill sprach für FINANZPLATZ-FRANKFURT-MAIN.DE mit der Autorin Ortrud Toker über Unternehmerpersönlichkeiten, Erfinderfreude und über die geschichtliche Bedeutung von Langsamkeit, Geschwindigkeit und Kommunikation. Themen wie Technologie, Erfindergeist und Preußen werden ebenso angesprochen wie Datenübermittlung, Banking und die Frankfurter Paulskirche. Hill: Die Frankfurter Rundschau nannte Ihr Buch „Vom Ende der Langsamkeit“ einen Publikumsliebling, HR2 Kultur und Thalia empfehlen Ihr Buch als „Buchtipp“. Vor dem Lockdown hatten Sie viele Lesungen, u.a. in der DenkBar, der Buchhandlung Weltenleser und in der Kulturfabrik in Sachsenhausen.  Wovon handelt Ihr Buch? Toker: Es geht in „Vom Ende der Langsamkeit“ um drei außergewöhnliche Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Werner von Siemens, Philipp Reis und um das Ehepaar Bertha und Carl Benz. Sie alle waren bei bahnbrechenden Erfindungen maßgeblich beteiligt, nämlich der Telegraphie, dem Telefon und dem Automobil. Diese Erfindungen veränderten die Welt und prägen sie bis heute. Hill: Aha, es geht um Unternehmerpersönlichkeiten. Was haben sie gemeinsam und worin unterscheiden sie sich? Denn zwei Namen kenne ich, aber Philipp Reis ist mir nicht geläufig. Toker: Wir haben es mit drei völlig verschiedenen Unternehmercharakteren zu tun. Werner von Siemens ist vermutlich der populärste und wirkungsmächtigste. Ihn zeichnet aus, dass er sein Ziel nie aus den Augen verlor, stets neugierig, offen und vor allem flexibel blieb. Er ließ sich von Rückschlägen und Niederlagen nie dauerhaft entmutigen, sondern sie spornten ihn viel eher zu Hochleistungen an. 1842, schon als junger Artillerieoffizier nutzte er z. B. seine Inhaftierung im Magdeburger Gefängnis zu Experimenten, die zu einer bedeutsamen Entdeckung und seinem ersten Patent führten. Der Beginn einer lebenslang andauernden Karriere, voller Höhen und Tiefen. Der Friedrichsdorfer Lehrer Philipp Reis hingegen war glücklos und fand zeitlebens keine Investoren. Er starb, bevor die Weiterentwicklung seines Telefons einen weltweiten Siegeszug antrat. Und was aus der „Kutsch‘ ohne Gäul‘“ von Carl Benz geworden wären, wenn ihn seine Frau Bertha nicht unermüdlich über Jahrzehnte immer wieder ermutigt und unterstützt hätte, steht in den Sternen. Ortrud Toker, AutorinFoto: Hartmuth Schröder Hill: Es geht in Ihrem Buch also auch darum, dass Erfindungsgeist allein noch nicht reicht, um auf Dauer erfolgreich zu sein. Toker: Unbedingt. Dass die Götter vor den Erfolg den Schweiß gesetzt haben, ist ein Allgemeinplatz. Aber wie genau das aussieht und was das im Einzelnen bedeutet, kann man an diesen drei Lebensläufen sehr schön nachvollziehen. Nicht nur Fleiß und Ausdauer sind von Vorteil, sondern dazu kommen Beharrlichkeit in der Zielerreichung, sowie eine besondere Widerstandskraft. Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, nach Rückschlägen weiterzumachen, wie ein Stehaufmännchen nach vorne zu schauen und aus Fehlern produktiv zu lernen. Wie das gehen kann, zeigen die Beispiele aus meinem Buch. Jede Zeit braucht kluge, unkonventionelle Lösungen, Erneuerer und Visionäre. Unternehmer, die für ihre Ziele brennen, kalkulierte Risiken eingehen und Verantwortung übernehmen. Erst wenn sich zu innovativen Ideen der Mut zur Umsetzung, Offenheit, Augenmaß und ein langer Atem gesellen, kann dies langfristig zum Erfolg führen. Beispiele, wo sich das Durchhalten gelohnt hat, gibt es genug. Die heutigen Superstars heißen Steve Jobs, Elon Musk und Jeff Bezos. Aber natürlich kennen das auch Menschen, die einen kleineren Wirkungskreis haben. Hill: Alle reden von Geschwindigkeit, warum sprechen Sie in ihrem Buch aber vom Ende der Langsamkeit? Toker: Bei den Erfindungen der Hauptpersonen in meinem Buch, Siemens, Reis und dem Ehepaar Benz, spielt die Beschleunigung des Transports von Menschen und Nachrichten eine zentrale Rolle. Was Geschwindigkeit jedoch genau ist und welche Bedeutung sie in unserer Gesellschaft hat, wird immer wieder neu definiert. Bertha Benz benötigte 1888 mit dem ersten Automobil einen ganzen Tag für die rund 100 Kilometer von Mannheim nach Pforzheim. Ihr Mann Carl Benz wollte bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h aufhören, Autos zu produzieren. Heute geht es bei dem neuen Mobilfunkstandard G5 um die Übermittlung von Datengeschwindigkeiten bis zu 10 Gigabit pro Sekunde, das bedeutet Kommunikation in Echtzeit und ermöglicht völlig neue Anwendungen. 100 Milliarden Geräte wären gleichzeitig ansprechbar. Hill: Schnelle Datenübermittlung war ja auch politisch und militärisch relevant und ist es heute noch. Spielt deswegen auch die Frankfurter Paulskirche in ihrem Buch eine Rolle? Toker: Die kabelgebundene Telegraphie war 1848/49 während der Revolution eine brandneue Technologie. Der preußische König in Berlin wollte so schnell wie möglich darüber informiert werden, was denn da während der Nationalversammlung in Frankfurt geschieht. Werner von Siemens wurde deswegen mit dem Bau der ersten europäischen Fernleitung von Berlin bis Frankfurt beauftragt. Als am 28. März 1849 die Nationalversammlung beschloss, dem König die Kaiserwürde anzutragen, sauste diese Nachricht in der sensationellen Geschwindigkeit von nur einerStunde von Frankfurt bis Berlin. Wenn Sie bedenken, wir reden von einem einzigen Draht, einer Kabelverbindung an Masten. So ging es damals los. Heute ist Frankfurt der Standort von Europas größtem Internetknoten. Hill: Die Finanzwelt ist ebenfalls auf präzise und schnelle Datenübermittlung angewiesen – hat Frankfurt hier historisch gesehen Standortvorteile? Toker: Gewiss, darum geht es. Mein Buch handelt von den Anfängen der beschleunigten Kommunikation, vom ersten heißen Draht zwischen Berlin und Frankfurt. Vor der Telegraphie gibt es berühmte Vorläufer. Die Bankiersfamilie Rothschild unterhielt Anfang des 19. Jahrhunderts auf den Dächern ihrer Bankhäuser eigene Schläge für Brieftauben und setzte diese beim Transport der Aktienkurse ein. So überflügelten sie im wahrsten Sinn des Wortes die Konkurrenz. Hill: Das klingt ganz nach dem Motto „Wissen ist Macht“. Toker: Ganz richtig. Nathan Mayer Rothschild wusste vor dem britischen Premier, dass Napoleon bei Waterloo geschlagen worden war und nutzte dieses Wissen gewinnbringend für den Aktienhandel. Brieftauben dienten auch Julius Reuter Mitte des 19. Jahrhunderts zur Überbrückung, solange das Telegraphennetz noch nicht lückenlos aufgebaut war, noch vor der Gründung seiner Nachrichtenagentur. Hill: Vielen Dank für das Gespräch. Ortrud Toker, geboren 1957, studierte Kunstgeschichte, klassische Archäologie und Philosophie an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt. Sie arbeitete viele Jahre u. a. im Deutschen Filmmuseum und im Museum für Kommunikation in Frankfurt. Ihr Schwerpunkt liegt in der frühen Film- und Mediengeschichte. Das Buch „Vom Ende der Langsamkeit“ von Ortrud Toker ist im Frankfurter Verlag Henrich Editionen erschienen: www.henrich.de) Verwandte Artikel: Digitalisierung & „Asset-Klasse Rechenzentren“ – Immobilien, REITs und ESG (Gastbeitrag – Michael Jakobi, contagi Digital Impact Group)FINANZPLATZ FRANKFURT: Judentum, Kultur und Einstein

  • Themen wie ESG, Klimawandel und die aktuellen Anlagebedürfnisse von institutionellen Investoren werden intensiv diskutiert. Markus Hill sprach für FONDSBOUTIQUEN.DE mit Daniel Grieger, Plenum Investments AG, über die Herausforderungen für das Portfolio Management im Fixed Income-Segment, den Themenbereich CAT Bonds (Insurance-Linked Securities) und über die persönliche Begeisterung für dieses spezielle Segment. Zusätzlich diskutiert wurde die Bedeutung von Nachranganleihen bei Banken und Versicherungen sowie über die Bedeutung von Empathie (Stichwort: Vielfalt der Interessen & Perspektiven – „Palmen aus Stahl“). Hill: Seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema Insurance-Linked Securities (CAT Bonds)? Grieger: Ich komme ursprünglich aus Mannheim, mein Studium in St. Gallen war der Grund für meine Emigration. Auf dem St. Gallen Symposium hörte ich den damaligen CEO der Swiss Re, Walter Kielholz, über den Klimawandel referieren. Ich war begeistert davon, dass ein profitorientiertes Unternehmen sich dem Thema annahm. Ich begann für das Institut für Versicherungswirtschaft zu arbeiten, schrieb meine Diplomarbeit im Jahr 1999 über CAT Bonds und – das ist ja wohl klar – hatte meinen ersten Job bei der Swiss Re. Nun war aber damals mit CAT Bonds kein Geld zu verdienen und die regulatorische Arbitrage zwischen der Bankenregulierung und der damals fast nicht existenten Regulierung der Rückversicherer brachte ganz andere Möglichkeiten. Ich wurde zum Underwriter und machte vor allem strukturiertes Kreditgeschäft und Kreditderivate. Eine spannende Zeit. Erst mit meinem Wechsel zu Horizon21 und den Nachwehen von Wirbelsturm Katrina im Jahr 2007 begann ich mich wieder mit CAT Bonds zu befassen und dann auch gleich als Investor. Die Schnittstelle zwischen der Versicherungsindustrie und dem Asset Management hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Beide Welten haben ihre Eigenheiten und diese zu überbrücken empfinde ich als sehr spannend. Zudem geht es in meinem Job darum, einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass Versicherungsprämien in bestimmten Geografien erschwinglich bleiben und dadurch die Folgen des Klimawandels für Privathaushalte abzumildern. Mein Arbeitsergebnis wird aber auch hoffentlich in letzter Konsequenz dafür sorgen, dass die Investoren eine höhere und stabilere Rendite erzielen als mit üblichen Anlageinstrumenten. Daniel Grieger, Partner und Fondsmanager, Plenum Investments AG Hill: Vor welchen Herausforderungen stehen Investoren im Fixed Income-Bereich aktuell? Grieger: Investoren mit dem klassischen 60/40-Ansatz stehen vor der Herausforderung, dass ein Großteil ihrer Allokation zu ertragslosen Risikopapieren mutiert sind. Viele Emittenten von Unternehmensanleihen haben die vergangenen Jahre genutzt, sich die für sie attraktiven Konditionen über möglichst langlaufende Platzierungen zu sichern. Also sind die Durationen der Unternehmensanleihen eher gestiegen – bei gleichzeitig rekordtiefen Zinsen. Wer jetzt also weiterhin in Unternehmensanleihen investieren möchte müsste eigentlich mehr Kreditrisiko nehmen. Oder er greift zu Spezialthemen wie beispielsweise Versicherungsnachränge. Hier ist über die starke Regulierung der Versicherer sichergestellt, dass die Emittenten hohe Solvenzanforderungen erfüllen. Das Anlageuniversum ist sozusagen durch die lokalen Regulatoren in den einzelnen europäischen Ländern vorgefiltert. Dennoch zahlen diese Anleihen immer noch attraktive Renditen. Hill: Wie können hier Insurance-Linked Securities Lösungen bieten? Grieger: Den Begriff Insurance Linked Securities möchte ich hier breiter fassen und auch das Fremdkapital, das Versicherer emittieren, dazuzählen. Meiner Meinung spielt es ja keine so große Rolle, in welchem Format ich einem Versicherer Kapital zuführe. Ob CAT Bond oder Nachranganleihe – in letzter Konsequenz wird der Versicherer mehr Geschäft schreiben können. CAT Bonds zeichnen sich dadurch aus, dass sie das reine Naturgefahrenrisiko decken und eine marktunabhängige Rendite erzielen, sofern die Erde nicht bebt oder der Wind nicht bläst. Hier gibt es kein Kredit- oder Durationsrisiko. Die Nachranganleihen verkörpern beides, Zins- und Emittentenausfallrisiko. Beide Instrumente eignen sich für den Investor im Jahr 2021. Die Zinsen werden wohl aufgrund der weltweit synchronisierten Konjunkturporgramme mittelfristig steigen. Staatsanleihen sind dann nicht mehr attraktiv. Wenn man jetzt als Investor einen Ersatz im Fixed Income-Bereich sucht, dann bieten sich die CAT Bonds und die Versicherungsnachränge in beiden Fällen an. Die CAT Bonds sind Floater. Die Spreads sind aufgrund des gesunden Marktumfeldes für Rückversicherer relativ attraktiv. Die Versicherungsnachränge bezahlen ebenfalls überraschend hohe Renditen, bringen aber auch ein Zinsrisiko mit sich. Hill: Womit beschäftigen Sie sich derzeit fachlich intensiver? Grieger: Wir haben gerade die Vorbereitungen für die Lancierung eines reinen Fonds für Versicherungsnachränge abgeschlossen. Wie bereits oben angesprochen, suchen Investoren ja auf der Fixed Income-Seite nach Alternativen. Häufig werden Bankennachränge bereits eingesetzt, aber für die Versicherungsnachränge fehlt die Expertise. Diese kann man über unseren Fonds einkaufen – bei täglicher Liquidität. Zudem beschäftige ich mich mit dem Thema Sekundärrisiken – damit sind Waldbrände und Überschwemmungen gemeint. Beide Risiken nehmen aufgrund des Klimawandels zu und die Frage stellt sich, inwieweit man hier sein Portfolio exponieren möchte. Ich bin, was diese Risiken betrifft, eher vorsichtig. Da bin ich aber nicht der einzige und es sind schon recht hohe Renditen, die hier locken. Beispielsweise hat gerade das National Flood Insurance Program in den USA einen CAT Bond platziert, der Überschwemmungen aufgrund von Wirbelstürmen in den USA deckt – die weniger riskante Tranche bezahlt hier zum Bespiel bereits 13 %. Hill: Die Welt besteht nicht nur aus Finanzen. Was lesen Sie aktuell? Grieger: Derzeit lese ich das Buch von Dominik Bloh (Unter Palmen aus Stahl – Geschichte eines Straßenjungen), das seine Zeit als Obdachloser in Hamburg beschreibt. Es ist eine Biographie, die aufzeigt, unter welchen Umständen ein Mensch in Deutschland in der Obdachlosigkeit landen kann und wie schwer es ist, dieser Situation wieder zu entkommen. Zum kurzen Verständnis dieses Teufelskreises, es kann hier zu der Kette „kein fester Wohnsitz, kein Job“, „kein Job, kein Bankkonto“, „kein Bankkonto, kein Telefon“ und so wiederum zum Status „kein Telefon, kein Job“ kommen. Gleichzeitig verschlägt es einem die Sprache, wenn man liest, dass jemand ohne irgendwelchen materiellen Besitz enthusiastisch syrischen Flüchtlingen hilft. Die Gleichgültigkeit staatlicher Stellen schockiert und räumt mit dem Vorurteil auf, dass Obdachlosen in einem reichen Land wie Deutschland ohne weiteres geholfen wird. Hill: Vielen Dank für das Gespräch. Daniel Grieger ist Partner und Fondsmanager der Plenum Investments AG. PLENUM INVESTMENTS AG: www.plenum.ch Verwandte Artikel: ESG, Cats Bonds, Branche & Kooperation, „Tail-Risks“ und Asset Management (Interview – Nico Rischmann, Plenum Investments AG)Auslaufmodelle oder Champions League & Salz in der Suppe? (Holger Leppin, Plenum Investments AG)ESG, Family Offices, Immobilien, Blockchain, AIFM – Liechtenstein, Schweiz & «Win-win-Faktor»

  • Der Begriff Boutique wird laut Duden als “kleiner Laden” übersetzt – einige Asset Manager, welche in die Kategorie Fondsboutiquen eingeordnet werden, hätten mit dieser Titulierung in der Regel keine Freude, andere würden sie mit Begeisterung begrüßen und wertschätzen. Im Asset Management-Bereich stellen diese agilen Häuser in einer immer mehr regulierten und auf Gleichklang ausgerichteten Anlagewelt vielleicht sogar das “Salz in der Suppe“ dar. Seit über 20 Jahren bewege ich mich in der Landschaft von sogenannten Spezial-Anbietern im Asset Management, wie man Fondsboutiquen (Boutiquen) auch bezeichnen könnte. Sie zeichnet in der Regel folgendes aus: Fokussierung auf eine oder wenige, meist besondere Asset Klassen wie zum Beispiel Private Equity, Hedgefonds, „Geschlossene Fonds“ / AIF, Micro-Finance, Insurance-Linked Securities (ILS) oder auch ganz neue Entwicklungen wie zum Beispiel Krypto-Assets.Hochspezialisierte Portfoliomanager und Analysten für die jeweiligen Segmente mit entsprechenden Marktzugängen und Knowhow.In der Regel erhöhte Wissens-Anforderungen an Mitarbeiter im Produktmanagement, Sales, Marketing und IT.Besonders in den Anfangsjahren hohe Selbstmotivation, ein besonderer “Team-Spirit“ – kombiniert mit dem Wissen, seinen Investoren einen Mehrwert bieten zu können und sehr eng mit ihnen zusammenarbeiten zu können.Sehr hohe Kontinuität im Management und bei Mitarbeiter*innen. Holger Leppin, Senior Relationship Manager bei Plenum Investments AG Aus meiner Sicht suchen und schätzen Investoren gerade diese Besonderheiten – bis heute, trotz deutlich höherer Anforderungen als vor 20 Jahren. Fondsboutiquen liefern mehr als Plain Vanilla und sollten keine Closet Indexer sein: Spezialisierung und aktives (!) Fondsmanagement sind gefragt. Nur wer über viele Jahre seinen Track Record, Service und Innovationskraft aufbaut und erhält, erobert sich eine entsprechende Reputation im Markt. Herausforderungen – Größe, Kosten und Regulatorik An welchen Zahlen ist der Begriff Fondsboutique gebunden? Hier scheint es keine fixe Grenze zu geben – als Messlatte im Bereich der AuM sind bis ca. EUR 10 Mrd. als Boutique-Bereich zu hören. Jedoch: Ist man über diese Marke keine Boutique mehr, obwohl sich von der obigen Aufstellung und Anspruch nicht viel geändert hat? Ich meine nein. Es gibt Beispiele im Markt, die sehr große Volumina (grösser EUR 20 Mrd.) verwalten und im Markt immer noch als “familiär”, “ansprechbar” und “hochkompetent” beschrieben werden. Ein praktisches Beispiel: Ich kenne Chefvolkswirte von mittlerweile sehr großen Asset Managern, die immer noch jedes Jahr am Stand beim Fondskongress in Mannheim den ganzen Tag verbringen und jedem auch noch so scheinbar kleinem Finanzberater geduldig Rede und Antwort stehen. Mit dieser Einstellung erklärt sich auch der Unterschied, warum es andere Häuser nie geschafft haben, die nächste Stufe, manche sprechen auch gern von “Champions League”, zu erklimmen. Und damit sind wir auch schon bei den Gefahren oder Herausforderungen, vor denen Boutiquen stehen. In einem immer anspruchsvoller werdenden Markt, wo man sich nicht nur gegen “günstigere” passive Fonds-Vehikel durchsetzen muss, Kosten allgemein, insbesondere durch die Regulatorik, ein immer entscheidender Faktor werden, oder man einfach durch mangelnde Größe gewisse Skalierungen gegenüber den “großen” Adressen nicht abbilden kann – da wird die Luft dann dünn. Visibilität, Digitalisierung, ESG und der persönliche Dialog Und wie können Fondsboutiquen im Markt visibler werden, wenn die Pimcos und BlackRocks dieser Welt über millionenschwere Marketing Budgets mit eigenen Social-Media Abteilungen verfügen, von denen kleine Anbieter nur träumen können? Im Zuge der Corona Pandemie werden sich viele Asset Manager neu aufstellen müssen. Alte Strukturen aus traditionellen Fachmessen, Kongressen, Roadshows oder persönlichen Treffen mit Portfoliomanagern, Relationship Managern und Investoren sind und werden zunehmend „digitaler“. Wie viel von der “alten” Zeit nach der Pandemie zurückkehren wird, ist schwer abzuschätzen. Komplett zurückkehren wird sie nicht. Denn wenn aktuell nahezu alle Asset Manager ESG-Kriterien in ihre Strategien und Geschäftsmodelle integrieren und “grünes” Investieren “state of the art” ist, wie ist es dann zu vertreten, dass mit tausenden von Dienstwagen-Touren oder Kurzstrecken-Flügen Besuchstermine vereinbart werden? Manchmal kann hier der Eindruck entstehen, dass diese Form der Reiseaktivitäten eher von Gedanken an Status oder Sorge um das Senator-Meilenkonto motiviert sein könnten. An dieser Stelle soll die Sinnhaftigkeit und Wichtigkeit von persönlichen Treffen zwischen Asset Managern und Investoren nicht komplett verneint werden, jedoch können und werden sie sich wahrscheinlich auf wenige und effizientere Formen begrenzen. Dies reduziert nicht nur den CO2-Abdruck, sondern ist auch kosteneffizient. Fondsboutiquen haben hier oft sogar den Vorteil, dass sie über langjährig gewachsene Strukturen verfügen und ein gutes Netzwerk etabliert haben, welches sich auch gut “digital” bewirtschaften lässt. Die in Zukunft wieder möglichen, jedoch reduzierten Besuche, werden dann sicher auch wieder geschätzt. Ausblick Trotz der angesprochenen Punkte und Herausforderungen vor der kleinere Asset Manager stehen, bin ich davon überzeugt, dass diese mit dem richtigen Geschäftsmodell eine Zukunft haben werden. Und es bleibt zu hoffen, dass es auch weiterhin Investoren/Produkt-Selektoren gibt, die offen sind für genau diese Häuser mit ihren eigenen Ansätzen. Ihnen sollte weiterhin die Möglichkeiten gegeben werden abseits des Mainstreams Entscheidungen zu treffen – nur in diesem Wechselspiel verhindern wir eine Art von Monokultur in der Fonds-Landschaft. Was ist einer der Gründe, warum man mit Freude bei einer Fondsboutique arbeitet? Es ist der lebendige Austausch mit Menschen – der persönliche Kontakt, die persönlichen Entscheidungen die „face to face“ stattfinden – glücklicherweise noch nicht durch Algorithmen ersetzt! Holger Leppin ist seit 1994 Im Finanz-Sektor mit Fokus «Asset Manager mit Spezialthemen» vertrieblich tätig. So hat er ab 2000 den Weg der MPC Capital AG zum Marktführer bei Geschlossenen Fonds von der Schweiz aus mit begleitet, war ab 2012 für die auf Wandel- und Unternehmensanleihen spezialisierte Fisch Asset Management AG in Zürich tätig und wechselte ab 2020 zur Plenum Investments AG (Insurance-Linked Securities). LINK zu Plenum Investments AG: https://www.plenum.ch/

  • Frankfurt – Technologie, Toleranz & Talent. Markus Hill sprach für FINANZPLATZ-FRANKFURT-MAIN.DE mit Ulrich Siebert, „Frankfurt-Liebhaber“, Gründer und Berater, über Themen wie Kommunikation, die Aktualität von Blendermodellen (Wirecard & Co.) und über das mehrdimensionale Image des Finanzplatzes. Ebenso angesprochen wurden Standortqualitäten in den Bereichen Startups, Investoren, Infrastruktur und Digitalisierung. Ausführungen zur „Creativ Class-Denke“ von Richard Florida und konkrete Gedanken zum Thema Frankfurter Zeil und Freude am Gedankenaustausch erscheinen zusätzlich interessant. Hill: Herr Siebert, Sie sind Frankfurter, mit einer bunten Frankfurter Vita: Autor des FAZ-Buchs Blenderwirtschaft, Mitorganisator des in vielen Köpfen noch präsenten Musikfestivals Sound of Frankfurt, fast 20 Jahre Kommunikationsberater und seit rund zwei Jahren Betreiber der Landfest Tagesbar an der Zeil. Wie passt das alles zusammen? Siebert: Da haben Sie noch einige Aktivitäten unterschlagen. Die Vielfalt motiviert mich, letztlich dreht sich alles um die Realisierung von Ideen und unternehmerischen Projekten. Und das sind meist Kommunikationsthemen. Den Band Blenderwirtschaft hatte ich während der Turbulenzen des Neuen Marktes 2002 geschrieben. Ulrich Siebert – „Frankfurt-Liebhaber“ Hill: Da waren Sie noch Finanzjournalist für Börsen- und Fondsberichterstattung. Was ist für Sie eine Blenderwirtschaft? Siebert: Mir ging es um wiederkehrende Muster bei Unternehmensblasen. Die Bekenntnisse des berühmt-berüchtigten Frankfurter Baulöwen Jürgen Schneider hatten das eindeutig bejaht. Das war 1995. Schneider schrieb während der Haft eine Blaupause für Blendermodelle. 1999 platzte der FlowTex-Skandal, der bis dahin größte Finanzbetrug in der Bundesrepublik mit ähnlichen Mustern wie bei Schneider. Dann EM.TV, Comroad – und wie die windigen Börsendebütanten alle hießen. 2005 war der Neue Markt abgewickelt und rund 200 Mrd. Euro Kapital verloren. Auch ein jahrhundertalter Frankfurter Bankenname ist mit dem Neuen Markt verschwunden: Gontard. Als nächstes kam der an Skurrilität nicht mehr zu überbietende S&K-Anlegerskandal. Jetzt 2020/2021 haben wir die alle Regularien in Schatten stellende Wirecard-Pleite. Hill: Welches Muster konnten Sie bei den aufgeblähten Geschäftsmodellen vor 20 Jahren erkennen? Siebert: Jedes Täuschen und Getäuscht-Werden geschieht in einer Kontinuität, baut sich auf und hat viel mit anerzogener Branchenpraxis zu tun, mit Stereotypen, Insignien/Siegeln und dem Gaukeln von Authentizität. Gerade bei stabilen Rahmenbedingungen und einer Ansammlung großer Namen entstehen Gefährdungslagen. Ebenso hatte ich das Paradoxon beobachtet: Je mehr Kapital im Spiel ist, desto eher gelingen Blendwerke. Drei Indikatoren konnte ich vor allem identifizieren: 1. Personenkult, 2. überzogenes Marktversprechen, 3. Kumpanei als zu enge, direkte Kommunikation zwischen Käufer- und Verkäufer. Bedauerlich finde ich aber vor allem, wenn in Skandal-Reportagen oft die Frankfurter Skyline als Symbolbild verwendet wird. Hill: Solche Eindrücke helfen nicht unbedingt dem Image des Finanzplatzes Frankfurt. Siebert: Ganz genau. Der Finanzplatz war schon immer sehr viel mehr. Er konnte sich aus einer vielfältigen, lebendigen Bürgerstadt entwickeln. Mittlerweile ist er eine weltweit beachtete aufstrebende Start-up-Region für FinTechs in der Aktivierungsphase. Frankfurt hat einen ausgezeichneten Campus, 30 Inkubatoren, zig Co-Working-Spaces als Talent-Schmieden sowie direkte Zugänge zu Investoren, Risikokapital und Business Angels. Dieses Potenzial auszubauen ist nicht hoch genug einzuschätzen. Die Corona-Pandemie treibt auf der ganzen Welt die Digitalisierung der Offline-Ökonomie voran. Diese Chance für Frankfurt muss viel deutlicher ausgesprochen werden, darf sich nicht in umgewidmeten Bürotürmen verstecken. Übrigens ist das eine interessante Perspektive für den pandemiegeplagten Frankfurter Immobilienmarkt. Hill: Im Vergleich zum Rheinland, zu Berlin oder Hamburg wird oft bemängelt, dass Frankfurt nicht hipp ist. Muss es das sein? Siebert: Kulturelles Klima, Bildung und ein attraktives Lebensumfeld sind sicherlich wesentlich für einen prosperierende Stadtentwicklung. Die viel diskutierte Theorie von Richard Florida, dass erst durch die Ansiedelung der Creative Class Wohlstand entsteht, ist für mich nach wie vor überzeugend. Es kommt auf die drei „T“ an: Technologie, Toleranz und Talent. Mit der kulturellen Vielfalt und aktiven Subkulturen entstehen neuen Ideen zur Vernetzung, für Technologien und neue Geschäftsmodelle, die Talente anziehen und gerade den Finanzplatz als Start-up-Region weiterbringen können. Nachdem Frankfurt in der Musik-, Automobil- und Werbewirtschaft – nicht ganz unverschuldet – kaum noch Impulsgeber ist, könnte die erste Fashionweek aus Berlin in Frankfurt eine Trendwende einleiten. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Mischung aus Lifestyle, Business-Plattform und nachhaltigen Textiltechnologien sehr gut in Frankfurt ankommen wird. Auch als Signal des Aufbruchs für den Textilhandel in der Stadt. Hill: Die letzten zehn Jahre hatten Sie auf einem Gutshof in der Wetterau gelebt und gearbeitet. Vor kurzem sind sie wieder in die Innenstadt gezogen. Warum der Wechsel, ändert sich gerade etwas in der Stadt? Siebert: Seit Jahrhunderten versuchen Stadtbewohner in einer Pandemie aufs Land zuzuziehen. Meine Frau und ich wollten das anders machen. Nein, Spaß beiseite. Der Grund ist einfach: Ich hatte die Projektentwicklung für das Geschäftshaus Zeil 111 begleitet und dort nach der Fertigstellung die Landfest Tagesbar mit meiner Frau eröffnet. Die Immobilie ist ein Mischkonzept aus Wohnen, Arztpraxen, der Hirsch-Apotheke, dem Flagship-Store von G-Star, Gastronomie, Fotostudio und Beauty. Unsere Wege sind mit dem Umzug einfach deutlich kürzer, und wir können unsere regionalen Erzeugerkontakte oder unsere Kooperation mit dem Weingut Prinz von Hessen direkt in die Stadt bringen. Interessant finde ich den Aspekt, dass das Stadtleben nur durch das Land funktioniert, insbesondere durch die Nahrungsmittelproduktion aber auch durch die Frischluftzufuhr und Artenvielfalt. Deshalb muss Nachhaltigkeit strenggenommen ein städtisches Thema sein. Hill: Ist die Zeil der richtige Standort, sie ist weder Finanzdistrikt noch steht sie für Nachhaltigkeit?Siebert: Das Tempo der Zeil und ihre Passantenfrequenz stehen vor allem für Wandel. Hier wird sich in den nächsten fünf Jahren einiges tun. Auch wenn Textiler und Kaufhäuser künftig nicht mehr in dem Maße prägend für die Zeil sein werden wie in den vergangenen Jahrzehnten, so ist sie zweifelsohne der Konsum- und Versorgungsmittelpunkt in Frankfurt. Viele unserer Frankfurter Gäste in der Tagesbar sagen allerdings, dass sie die Zeil eher meiden würden und dass sie überrascht sind, uns dort gefunden zu haben. Das zeigt mir den tieferliegenden Wunsch nach kleinteiligeren, gemischten Nutzungen, deren Individualität und Spirit die Online-Welt ergänzen. Das wird neue, nicht mit Amazon konkurrierende Retail-Konzepte aber auch viel bauliche Veränderung auf die Zeil mit sich bringen. So wie es das Karstadt-Areal 2025 nicht mehr geben wird. Hill: Ist die Frankfurter Innenstadt nach Corona eine andere? Siebert: Diese Frage beschäftigt mich in der Tat sehr stark, nicht nur als Gastronom. Kurzfristig kann ich mir gut vorstellen, dass es trotz einiger Leerstände auch in Toplagen erst einmal so weiter geht wie vor dem 1. Lockdown, wenn

  • Finanzmarktprognosen, „Spekulationsblasen“ und Geopolitik – Markus Hill sprach für FONDSBOUTIQUEN.DE mit Martin Friedrich, Lansdowne Partners Austria GmbH, über die aktuellen Herausforderungen als Dachfondsmanager im Bereich Kapitalmarktanalyse und über die Bedeutung von Währungsentwicklung und Rohstoffpreisen bei der Beurteilung von Asset-Klassen. Hill: Die Märkte befinden sich derzeit in einer interessanten Verfassung. Kann man mittlerweile von einer Spekulationsblase sprechen? Friedrich: Dazu möchte ich als erstes anmerken, dass im öffentlichen Diskurs mit dem Wort „Blase“ viel zu leichtfertig umgegangen wird. Tatsächlich ist nicht jeder Sektor, der stark gestiegen ist, notwendigerweise in einer Blase. Sonst würden sich auch Markteilnehmer, die ihr Geld mit Leerverkäufen verdienen, nicht so schwertun. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass selbst ein Anstieg von 100 % innerhalb von zwei Jahren nur in der Hälfte aller Fälle zu einer Korrektur von wenigstens 40 % führt. Allerdings gibt es gerade im US-amerikanischen Markt Segmente, welche mir Sorge bereiten. Interessanterweise sind es oft die Begleiterscheinungen des Kursanstiegs, welche die Diagnose einer Blase erleichtern. Leider zeigen sich hier gleich mehrere Warnsignale. Hill: Was meinen Sie konkret? Friedrich: Zunächst die Tatsache, dass sich manche Sektoren in einer sich beschleunigenden Aufwärtsbewegung befinden. Dabei steigt die Volatilität, was ungewöhnlich ist – normalerweise ist die Schwankungsneigung in Abwärtsphasen höher und beruhigt sich auf dem Weg nach oben. Zweitens sehen wir häufig, dass Kleinanleger gegen Ende eines Bullenmarktes besonders stark in den Aktienmarkt drängen. Das ist ebenfalls gerade jetzt in besonderem Maße zu beobachten, wie angesichts der Gamestop-Episode drastisch ersichtlich wurde. Drittens haben wir hohe Aktivität bei Neuemissionen. Dabei wird die Spekulation durch die Überversorgung mit Liquidität erleichtert und zusätzlich angeheizt. Wir sehen hier eine gewisse Parallele zum Jahreswechsel 1999 bis 2000 – auch damals hat die Zentralbank eine Rolle gespielt. Der Grund war allerdings nicht eine Pandemie, sondern die Angst vor einem Stehenbleiben vieler Computersysteme im Zusammenhang mit dem Datumswechsel. Im Ergebnis hat sich ein Index führender Internetunternehmen in den letzten drei Monaten vor dem Jahrtausendwechsel verdoppelt, nachdem er in den ersten neun Monaten des Jahres 1999 schon mit 130 % rentiert hatte. Auch in Deutschland stieg der Neue Markt Index im Gesamtjahr 1999 um 56 % und hat dann Anfang 2000 bis Mitte März noch einmal fast 90% gemacht. Im Vergleich damit kann das Jahr 2020 aber gut mithalten: ein gleichgewichteter Index aus Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google stieg um 59 %, nachdem er im Jahr zuvor um 43% gestiegen war. In Fällen wie Tesla sind die Zahlen noch um einiges höher.   Martin Friedrich, Lansdowne Partners Austria GmbH Hill: Inwiefern sind für Sie Finanzprognosen anderer Institute Grundlage für Ihre Markteinschätzungen? Friedrich: Im Rahmen unserer Anlagepolitik unterscheiden wir mittel- und langfristige Modelle. Dabei zielen die mittelfristigen Projektionen auf einen Zeithorizont von 6 -18 Monaten ab, bei den langfristigen beschäftigen wir uns hingegen mit dem Ausblick auf die nächsten sieben Jahre. Die Unterscheidung ist wichtig: während wir für die Beurteilung des kurz- bis mittelfristigen Geschehens ausschließlich unsere eigenen Modelle heranziehen, beobachten wir für unsere langfristigen Projektionen einen immer gleichbleibenden Querschnitt bekannter Asset Manager und Researchhäuser, welchen gemeinsam ist, dass sie eben solche Prognosen veröffentlichen. Der Median dieser „Expertenrunde“ ist eine von mehreren Eingangsgrößen für unsere Planung der Vermögensstruktur. Paradoxerweise sind in Finanzmärkten langfristige Entwicklungen oft eher absehbar als kurzfristige – aus dem einfachen Grund, weil kurzfristige Verwerfungen oft ebenso rasch abklingen, wie sie eintreten können – das Jahr 2020 war ein gutes Beispiel hierfür. Hill: Gerade nach den aktuellen Wahlergebnissen – wie betrachten Sie die derzeitige Rolle der USA? Friedrich: Wir erwarten – wie wahrscheinlich die meisten – dass die neue Administration sich international weniger stark isoliert und wieder eine stärkere Beziehung zu den traditionellen Partnern suchen wird. Der Konflikt mit China wird dennoch bestehen bleiben, aber wahrscheinlich mit anderen Mitteln geführt. Wirtschaftlich rechnen wir mit sehr starkem Wachstum, herbeigeführt durch die Kombination von hohen fiskalpolitischen Anreizen und der Erholung durch das Ende der Pandemie. Hinzu kommt ein wahrscheinlich schwacher Dollar, begünstigt durch parallele Budget- und Leistungsbilanzdefizite sowie von einer Notenbank, welche nach zehn Jahren zu niedriger Inflation jetzt endlich einmal höhere Zahlen sehen will und deshalb bewusst die Wirtschaft „heiß laufen“ lässt. Das ist schon ein explosiver Kranz makroökonomischer Rahmenbedingungen, der hier auf uns zukommt. Deshalb ist es auch nicht möglich, zuversichtlich zu sein, dass demnächst die „Luft aus der Blase kommt“, wenn Sie mir ein umgangssprachliches Bild erlauben. Hill: In Ihrem eigenen Dachfonds bildet Ihre Kapitalmarktanalyse die Grundlage für konkrete Investmententscheidungen. Gibt es derzeit eine besondere Assetklasse und bestimmte Asset Manager, die Sie sich intensiver ansehen? Friedrich: Wir müssen eigentlich immer alle Assetklassen und Manager im Blick behalten, das ist unser tägliches Brot. Aber natürlich gibt es Bereiche, die möglicherweise durch die makroökonomische Großwetterlage begünstigt werden könnten. Bleiben wir zum Beispiel beim voraussichtlich schwächeren Dollar, von dem ich eben sprach: ein schwacher Dollar steigert die Liquidität in weniger entwickelten Ländern und begünstigt gleichzeitig steigende Rohstoffpreise. Wir könnten damit eine Renaissance bei Vermögenswerten in Schwellenländern erleben, ebenso wie bei wertorientierten Investitionen – Teile des Kapitalmarkts, welche nach einer längeren Baisse in den Portfolios der meisten Anleger noch immer stark unterrepräsentiert sind. Hill: Vielen Dank für das Gespräch. Martin Friedrich ist Portfoliomanager des Lansdowne Endowment Fonds und Head of Research. Er kam im Januar 2019 zu Lansdowne Partners Austria von HQ Trust, einem der größten unabhängigen Multi-Family Offices in Deutschland. Herr Friedrich war dort seit 2009 beschäftigt, zuletzt als Leiter der Kapitalmarktanalyse und Co-Chief Investment Officer. Zusätzlich betreute er Kundenportfolios und war zuständig für den Investmentprozess von LIQID, einem Fintech Unternehmen in Berlin. Link zu Lansdowne Partners Austria GmbH: https://www.lansdownepartners.com/austria Verwandte Artikel: Inflation & Fiskalpolitik – Simbabwe ante portas? (Martin Friedrich, Lansdowne Partners Austria GmbH)Behavioural Finance, Cat Bonds & „Glücksspieler“ (Martin Friedrich, Lansdowne Partners Austria GmbH)Family Offices, Cat Bonds, Fondsselektion & „In Nature’s Casino“ (Interview – Martin Friedrich, Lansdowne Partners Austria GmbH)Inflation, Asset Allocation, „SPACs & Neuer Markt“, Simbabwe (Interview – Martin Friedrich, Lansdowne Partners Austria GmbH)Family Offices, Think Tanks, Ökonomie & „Manias, Panics, and Crashes“ (Interview – Martin Friedrich, Lansdowne Partners Austria GmbH)Family Offices, Managerauswahl, Inkubatoren & „Evolution statt Revolution“ (Interview – Martin Friedrich, Lansdowne Partners Austria GmbH)Family Offices, Inkubatoren, Real Estate – Direct Investments versus REITs? (Interview, Martin Friedrich, Lansdowne Partners

  • „Jüdisches Leben in Frankfurt“ – so lautet auch der Titel der Broschüre, die gerade von der Stadt Frankfurt, Dezernat für Finanzen, Beteiligungen und Kirchen in der Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Frankfurts herausgegeben wurde und in der es um gemeinsame Geschichte, das Entdecken, Erleben und auch Erinnern geht. Bürgermeister wie auch Kirchendezernent Uwe Becker und der Vorstandsvorsitzende der jüdischen Gemeinde haben engagierte Grußworte geschrieben. Das jüdische Leben in Frankfurt hat eine fast 900 Jahre alte und große Tradition. Die historischen Spuren jüdischen Lebens lassen sich auch in der wunderbar restaurierten Frankfurter Altstadt aufspüren. Die grauenvolle Vertreibung und Ermordung Frankfurter Juden im Holocaust haben schreckliche Narben in unserer Stadtgesellschaft hinterlassen. Nach 1945 gab es nur noch wenige Frankfurter Juden, die auch in ihre zerstörte Heimatstadt zurückkamen; vor 1933 bestand die jüdische Gemeinde aus 30.000 Mitgliedern und verkörperte die bis dahin bedeutendste Epoche jüdischen Schaffens. Eva-Maria Klatt, Frankfurt am Main 1864 erst brachte den jüdischen Frankfurtern die volle Gleichstellung und die Gemeinde wuchs, 1882 wurde die Synagoge am Börneplatz (von den Nazis zerstört, dann von ihnen mit einem Hochbunker überbaut) und 1910 die Westendsynagoge eingeweiht. Heute hat die jüdische Gemeinde ungefähr 7.000 Mitglieder und ist die zweitgrößte Deutschlands. 1986 konnte das jüdische Gemeindezentrum eröffnet werde, das heute Ignatz-Bubis-Zentrum heißt. Dieses Zentrum macht, wie auch andere Bauwerke hier, jüdisches Leben in der Stadt wieder „lebendig“. Ganz deutlich spürbar und sichtbar sind auch der jüdische Kindergarten, die Lichtigfeldschule , der jüdische Sportverein TUS Makkabi im Herzen Frankfurts und das im Oktober neueröffnete Jüdische Museum mit seiner eindrucksvollen hellen, neuen Architektur. CORONA, LOCKDOWN UND MUSEUM „Closedbutopen“ hieß das Motto für das Jüdische Museum während des zweiten Lockdowns bis zur radikalen Schließung. Es ist das älteste Jüdische Museum in Deutschland und thematisiert 800 Jahre jüdische Geschichte in Frankfurt. Fünf Jahre wurde es umgebaut, bis es am 21.10.2021 mit einem eher asketischen Festakt in der Alten Oper eröffnet wurde, dies alles geschuldet den Hygiene Maßnahmen aufgrund der Pandemie. Das Jüdische Museum hat einen eigenen YouTube Kanal mit vielen informativen und sehenswerten Filmen, es ist auf Twitter, Facebook, Instagram mit täglichen Beiträgen vertreten, die allesamt anregend sind und neugierig auf einen Besuch machen – zur Zeit und später. KULTUR, EVENTS UND NEUGIERDE Frankfurt, als kleine aber ausgesprochen kraftvolle Metropole, weist mittlerweile auch Jüdische Filmtage im Mai und Jüdische Kulturwochen im September auf. Jüdisches Leben in seiner Vielfalt beschränkt sich eben nicht auf die genannten Bauwerke, sondern findet überall in Frankfurt statt, weil hier eine beeindruckende Bandbreite an jüdischen Einrichtungen und Aktivitäten herrscht. Als Beispiel sei hier die Frankfurter Schönstädt Loge, B’nai B’rith, die 1888 als 20. B’nai B’rith Loge in Deutschland gegründet wurde und deren Mitglieder sich höchst aktiv und ehrenamtlich für das Gemeinwohl einsetzten. Im Dritten Reich verboten, wurde sie in Frankfurt 1961 neu gegründet – mit veränderten Aufgaben jedoch stets den Idealen und Werten treubleibend. In den wunderschönen alten Räumen der Loge finden in regelmäßigen Abständen kulturelle Veranstaltungen vielfältiger Art statt, die regen Zuspruch in der Stadtgesellschaft finden. Jüdisches Leben in Frankfurt verkörpern unter anderem auch die Brüder James und David Ardinast. Sie bereichern die Gastronomie- und Ausgehkultur unserer Stadt mit vielen Restaurants wie etwa das „Stanley Diamond“ oder die „Bar Shuka“ in der Niddastraße. Als weiteres Beispiel für diese Vielfalt seien hier das Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde, Pflegeheim mit Altenwohnanlage, sowie das Pflegezentrum der Henry und Emma Budge Stiftung, das dezidiert Juden und Christen gleichermaßen offensteht. Beide Einrichtungen bieten auch zahlreiche kulturelle Veranstaltungen an, die von vielen Frankfurtern gerne besucht werden. Stellvertretend für viele Aktivitäten innerhalb des jüdischen Lebens in Frankfurt wird der Interreligiöse Chor genannt, der von zwei Chorleitern, der evangelischen Kantorin Bettina Strübel und dem jüdischen Chasan Daniel Kempin, gemeinsam gestaltet wird und eine weitere Facette bedeutet. Vielleicht sind die Leser dieses Artikels neugierig geworden auf noch viel mehr an jüdischen Traditionen und Geschichten unserer Stadt Frankfurt am Main, frei nach dem Motto: „Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will“ (Albert Einstein). Eva-Maria Klatt, Oberstudienrätin i.R., Stellvertretende Vorsitzende der DiG Frankfurt (Deutsch-Israelische Gesellschaft) JÜDISCHES MUSEUM FRANKFURT: www.juedischesmuseum.de Quelle: www.finanzplatz-frankfurt-main.de

  • „Ein klar formuliertes Problem ist schon halb gelöst“ (Charles Kettering). Markus Hill* sprach für FONDSBOUTIQUEN.de mit Harald Schnorrenberg, GET Capital, über die Zusammenhänge von Asset Management, Künstliche Intelligenz sowie über die Bedeutung von Risiko- und Returnschätzern beim Investmentprozess. Zusätzliche Themen des Gesprächs waren der Einsatz von Publikumsfonds bei institutionellen Investoren sowie Robo-Advisory und Hockey. Hill: Seit wann beschäftigen Sie sich intensiver mit dem Themenkreis Künstliche Intelligenz und Asset Management? Schnorrenberg: Seit 2009/10 beschäftigen wir uns mit KI. Viele Anleger mussten damals feststellen, dass klassische Portfoliomanagement- und Risikoansätze in Extremsituationen und den dann folgenden Erholungsphasen nicht immer gut funktionieren. Wir haben nach besseren Lösungen gesucht. In der Zusammenarbeit mit Universitäten wurden wir auf das Thema Mustererkennung als Teilgebiet der Künstlichen Intelligenz aufmerksam. Es war ein längerer Prozess. Den Investmentprozess haben wir seit 2012 vollständig auf KI umgestellt und automatisiert. Hill: Haben Sie den Eindruck, dass die Investoren ein starkes Interesse für diesen Bereich entwickelt haben und hier ausreichend Knowhow besitzen? Schnorrenberg: Wir sehen wachsendes Interesse da das Thema Mainstream wird und diverse Anwendungen im realen Leben angekommen sind. Interesse sieht man besonders bei der Generation, die noch nicht in den Entscheiderrollen sitzen. KI ist zwar wirkungsvoll, aber dennoch sehr komplex. Wenn man jedoch die Prinzipien verstanden hat, ist man als Anleger schon weiter als die Meisten. Harald Schnorrenberg, GET Capital Hill: Sie selbst haben eine besondere Expertise in der Betreuung klassischer institutioneller Investoren. Sie haben vor Jahren einen eigenen Publikumsfonds aufgelegt. Wie kam es zu dieser Idee? Schnorrenberg: Wie bei den meisten Quant-Ansätzen ist KI komplex im Verständnis und Anleger tun sich einfacher, wenn sie ein Investment mit kleinen Beträgen live testen können. Publikumsfonds sind ein gutes Format das zu tun. Sie bieten mehr Vertrauen als beispielsweise Modellrechnungen. Hill: Wie sieht der Investmentansatz Ihres Fonds aus? Schnorrenberg: Unser Investmentprozess unterscheidet sich im Grunde kaum von den üblichen Ansätzen. Der wesentliche Unterschied ist die Art der Umsetzung. Nicht Portfoliomanager, sondern intelligente Algorithmen liefern die Handelssignale, und das durchgehend. Dieser Prozess ist dabei vollständig automatisiert. Dies bedeutet, es gibt keine händischen Eingriffe, lediglich Checks an erfolgskritischen Punkten. Im Grunde ist das Industrie 4.0 im Asset Management. Gerade das Asset Management ist für KI prädestiniert, denn es sind große Datenmengen zu analysieren, Prognosen zu treffen und Optimierungen durchzuführen. Das kann Technologie heute in vielen Bereichen deutlich besser als der Mensch. Es ist ohnehin sehr schwer in effizienten Märkten besser zu sein als die Benchmark, insbesondere nach Kosten. Wie sich in der Praxis zeigt, gelingt dies nur wenigen Managern konsistent über mehrere Jahre. Wir verlassen uns nicht auf klassische Analysen, sondern nutzen daher Synergien aus Big Data, Internet und Algorithmen der Künstlichen Intelligenz, um aus der täglichen Datenflut Mehrwert zu generieren. Die Anlagestrategie wird von drei wesentlichen Input-Faktoren bestimmt: 1.         Risikoschätzer der relevanten Märkte 2.         Returnschätzer der relevanten Märkte sowie 3.         Optimierungsnebenbedingungen (wie z.B. ein Risikobudget von x %). Die Risiko-und Returnschätzer werden durch Marktveränderungen beeinflusst und passen sich an. Mit dieser Anpassung kann je nach Marktveränderung auch die Allokation des Portfolios verändert werden. Ebenfalls kann die Risikonebenbedingung eine Veränderung der Allokation auslösen, in Abhängigkeit der Auslastung. Die Anlageentscheidung wird in drei Schritten hergeleitet: 1. Marktanalyse: Über Regressoren und Klassifikatoren (KI-Methoden des Machine Learning) werden ca. 8.000 Wertpapiere der relevanten Märkte täglich daraufhin überprüft, ob sie grundsätzlich zur Investition freigeschaltet sind und wenn ja, welche die interessantesten Märkte im Sinne eines absoluten Returnschätzers sind. 2. Portfolio-Konstruktion: In diesem Prozess-Schritt werden individuelle Restriktionen (zum Beispiel das Risikobudget) und das definierte Gesamtuniversum in den Prozess eingeführt. 3. Portfolio-Optimierung: Hier fließen die relevanten Märkte aus dem definierten Gesamtuniversum mit den Return- / Risikoschätzern und den Portfoliorestriktionen zusammen. Es wird eine optimale Portfolio-Allokation mit allen Nebenbedingungen und Transaktionskosten festgelegt. Unsere Returnschätzer-Logik bildet die Basis für Markteinschätzungen. Die regimeorientierten Returnschätzer werden durch ein Verfahren der Mustererkennung und deren intelligente Auswertung auf Basis von historischen Daten berechnet. Hill: Wie schätzen Sie die Bedeutung von Publikumsfonds für institutionelle Investoren, die von Fondsboutiquen aufgelegt werden? Schnorrenberg: Das müssen Sie eigentlich die Investoren fragen. Wie beschrieben, bieten diese eine gute Möglichkeit einer „Testfahrt“, also Strategien unter realen Bedingungen zu testen. Investoren spiegeln uns, dass die Möglichkeit schnell, transparent und kostengünstig in Publikumsfonds investieren zu können hilfreich ist. Hill: Wo findet man Ihren Ansatz neben dem klassischen institutionellen Geschäft wieder? Schnorrenberg: Institutionelle Investoren sind unsere Kernkundschaft. Durch die Flexibilität und Skalierbarkeit der Plattform fungiert diese jedoch auch als Engine für den Robo-Advisor der Sparkasse Bremen: Smavesto. Übrigens hat Smavesto im November 2020 den Handelsblatt-Vergleich von 25 Robo-Advisern mit 10,2 % Rendite über 1 Jahr mit deutlichem Abstand gewonnen. Hill: Welche Trends beobachten Sie gegenwärtig in Ihrem Kundensegment? Schnorrenberg: Die Nullzinsen sind ein großes Problem. Hier wird händeringend nach Alternativen in allen erdenklichen Formaten und Formen gesucht. Dies erfordert einen erheblichen Knowhow-Aufbau, denn einfache Lösungen gibt es nicht mehr. So wird Kapitalanalage anstrengender. Wir erkennen eine starke Nachfrage nach Long/Short Produkten unterfüttert mit unserer Technologie. Hill: Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich, wenn Sie einmal einen „frischen Kopf“ bekommen wollen? Schnorrenberg: Die Welt besteht ja bekanntlich nicht nur aus Asset Management. Sport ist ein guter Ausgleich für mich. Ich spiele gerne Feld-Hockey und Tennis. Hill: Vielen Dank für das Gespräch. GET Capital AG: www.get-capital.de *) Markus Hill ist unabhängiger Asset Management Consultant in Frankfurt am Main. Kontakt: info@markus-hill.de; Website: www.markus-hill.de Verwandte Nachrichten: Real Assets, Asset Management Consultants, Publikumsfonds, Borussia Dortmund & „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ (Interview – Martin Dürr, FAROS Fiduciary Management AG)Quant & ESG – Singularitätentheorie, Fondsselektion, Seed Money & „Spiegel des Licht“ (Dr. Oliver Klehn, Interview & Literaturhinweis)Value Investing, Aristoteles, Fondsselektion & Ownership Approach (Interview & Webinar, 23.4.2020 – Dominikus Wagner)Value Investing, „Wert versus Preis“ und die Bedeutung von Family Offices als Investoren (Interview & Webinar, 7.5.2020 – Stefan Rehder)

  • „Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig“ (Albert Einstein). Spricht man mit semi-institutionellen und institutionellen Investoren, stößt man oft beim Thema Dachfonds nur auf verhaltenes Interesse. Häufig werden hierfür Gründe wie zum Beispiel Kosten und die ursprüngliche Positionierung dieser Produktkategorie im Retail-Segment angeführt. Unterstellt man bei verschiedenen Produkten und Ansätzen im Vergleich zu den im Markt üblicherweise gemanagten „Asset-Allocation-Ansätzen“ (Managed Accounts, Segmentfonds, Spezialfonds, Fondsvermögensverwaltung), dass es in dieser Kategorie interessante Fondsmanager geben kann – welche Argumente gäbe es für eine intensivere Beschäftigung mit dieser Produktkategorie? Einsatz bei Family Offices und unabhängigen Vermögensverwaltern Multi Family Offices und Vermögensverwalter nutzen Dachfonds als Instrument, um auf effiziente Weise Kundengelder zu allokieren. Wo bestehen bei diesem Prozess Vorteile? Orders können standardisiert erfolgen, es bedarf bei vielen Kundendepots keiner aufwändigen Einzelorders, es gibt Zugang zu bestimmten institutionellen Tranchen bei Publikumsfonds, der Diskussionsaufwand für alle Beteiligten bei Order ist stark reduziert, „Peitsche der Transparenz“: Der Kunde kann den Kostenblock „Dachfonds“ mit einer Vermögensverwaltung oder mit Mischfondskonzepten beziehungsweise mit konventionellen vermögensverwaltenden Ansätzen auf Einzeltitelbasis vergleichen. Auch ETFs können bei diesen Ansätzen jederzeit genutzt werden und die Absicherung wird durch den Produktmantel vereinfacht, wobei es auch hier verschiedenen Risikomanagementansätze gibt. Der Autor: Markus Hill ist unabhängiger Asset Management Consultant Nische, Fondsvolumen und „Ventil“ Natürlich unterscheiden sich klassische institutionelle Investoren in ihren Möglichkeiten naturgemäß in ihren Anforderungen im Vergleich zu semi-institutionellen Anlegern, die zumeist als Intermediär dienen für den Zugang zum Privatenkundenbereich (HNWIs etc.). Natürlich gibt es auch hier eine Grauzone, die man in bestimmten Teilen dem Bereich Stiftungen, Versorgungswerke und „kleineren“ Asset Management-Consultants zuordnen kann. Auch hier stellen Dachfonds gerade bei kleinen Volumen im Boutiquensegment zumindest zu Beginn der Fondshistorie eine ideale Problemlösung dar. Im Vergleich zum klassischen „Segmentfonds“ und Spezialfonds besitzt der Dachfondsmanager bei kleinem Fondsvolumen die Möglichkeit, im Fonds eine Vielzahl von Asset Managern via Publikumsfonds in seinem Konzept zu nutzen. Ab einer bestimmten Investitionsgröße ist es meist effizienter, in einem Spezialfonds die eigene Strategie bei klassischen Institutionellen zu verfolgen. Hierbei  können aber Dachfonds häufig als „Accelerator“ für Boutiquenmanager dienen. Im Bereich der oben angeführten Vermögensverwaltung bei wohlhabenden Privatkunden können ebenfalls Boutiquenmanager im Dachfondsbereich eine Ergänzung zur Produktpalette von Family Offices, Privatbanken und Vermögensverwaltern dienen. Warum ergibt sich diese „Ventillösung“ im Bereich Vermögensverwaltung? Ein Grund hierfür kann sein, dass man allein aus Diversifikations- und Reputationsgründen die Allokation nicht nur mit Dachfonds des eigenen Hauses abdecken kann (Expertise, Knowhow, spezielle Fondsansätze etc.) oder möchte. Spezialisierung, Expertise, Netzwerk und Knowhow Viele der interessanten Dachfondsansätze finden sich bei spezialisierten Kapitalverwaltungsgesellschaften, aber auch bei spezialisierten Adressen in diesem Segment, einige Adressen dienen auch als Inkubatoren im Boutiquenbereich (Ampega, Universal Investment, Sauren, Greiff capital management, Lansdowne Partners Austria, FERI etc.). Ohne eine Aussage über Vorteilhaftigkeit im Bereich Kosten oder Performance zu sprechen: Allein einmal die Skills im Segment Asset Allocation zu prüfen, kann lohnenswert sein – immerhin eine der anspruchsvollsten Bereiche im Asset Management! Markus Hill ist unabhängiger Asset Management Consultant in Frankfurt am Main. Kontakt: info@markus-hill.de; Website: www.markus-hill.de Foto: www.pixabay.com

  • Die abgebildete Banknote mit dem Nominale von 100 Trillionen stammt von einer Reise nach Afrika. Sie wurde Ende 2008 gedruckt und hatte zu diesem Zeitpunkt einen Wert von nur 30 US-Dollar. Sie erinnert anschaulich, wie Hyperinflation eine Wirtschaft vollständig zerstören kann. Heute machen sich Investoren ebenso wie viele andere Menschen gleichermaßen Sorgen über eine Rückkehr der Inflation in entwickelten Ländern. Sie sind verunsichert durch das rasante Tempo des Gelddruckens durch die Zentralbanken. Die wissenschaftliche Basis solcher Inflations-Befürchtungen ist bekannt als „Quantitätstheorie des Geldes“. Es ist ein recht altes Paradigma, das allerdings davon ausgeht, dass weder das allgemeine Produktionsniveau in einer Volkswirtschaft noch die Geschwindigkeit des Geldes sich stark verändern1. In der heutigen Realität ist diese Annahme jedoch dadurch entkräftet, dass sich die Geschwindigkeit des Geldes sehr wohl verändert, und zwar deutlich. Seit ihrem Höchststand im Jahr 2007 ist zum Beispiel die Umlaufgeschwindigkeit der Geldmenge M1 um mehr als 60% zurückgegangen, während die Umlaufgeschwindigkeit von MZM sich halbiert und so dafür gesorgt hat, dass die Preise weniger gestiegen sind, als es die Federal Reserve Bank eigentlich erreichen wollte. Martin Friedrich ist Portfoliomanager des Lansdowne Endowment Fonds und Head of Research. Die starke Zunahme der Geldmenge hat mit den quantitativen Lockerungsprogrammen zu tun: Wenn eine Zentralbank Anleihen kauft, erhalten die Verkäufer Bargeld. Dieses Bargeld wird, im Gegensatz zu Anleihen, in die Geldmengenberechnung einbezogen, der Anstieg der Geldmenge ist somit eine logische Folge. Allerdings: Die Geldumlaufgeschwindigkeit wird um den gleichen Betrag abnehmen, solange dieses Geld auf Bankkonten begraben bleibt. Um Inflation zu erzeugen, muss es seinen Weg in tatsächliche Kaufentscheidungen finden. Und genau hierin liegt der Bruch zwischen Quantitätstheorie und Praxis: Wie Zentralbanken schon in den Jahren nach der großen Finanzkrise 2008-2009 herausgefunden haben, sind Programme zur quantitativen Lockerung zwar wirksam, um die Kapitalmärkte mit Liquidität zu versorgen, aber sie können die Nachfrage in der Realwirtschaft nicht stimulieren. Die Zentralbanken fühlten sich daher rasch hilflos bei ihrem Versuch, Inflation zu erzeugen2, da die Geschwindigkeit des Geldes als Reaktion auf die erhöhte Geldmenge einfach schrumpfte und damit den größten Teil des gewünschten Effekts neutralisierte. Was verursacht Inflation? Es gibt mehrere konkurrierende und natürlich untereinander vernetzte Theorien, die Inflation zu erklären und möglicherweise vorherzusagen. Diese Erklärungen fallen im Großen und Ganzen in drei Lager: 1) Monetarismus – Inflation wird durch ein zu hohes Wachstum der Geldmenge verursacht 2) Angebotsseitiger Zugang – sie wird verursacht durch steigende Preise für Eingangsgrößen im Wirtschaftskreislauf, wie Rohstoffe oder Löhne 3) Nachfrageseiter Zugang – hohes Wachstum führt zu Kapazitätsengpässen und Ressourcenknappheit, was dann in der Folge steigende Preise verursacht Über die Untersuchung dieser Mechanismen hinaus beobachten Zentralbanken auch die Inflationserwartungen sehr genau. Denn wenn die Erwartung steigender Preise erst einmal im Denken und Verhalten der Wirtschaftssubjekte verankert ist, wird sie leicht zur sprichwörtlichen sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Kein nachhaltiger Anstieg in unmittelbarer Zukunft Wenn die Welt 2021 in eine weitgehend synchronisierte Erholung von der diesjährigen tiefen Rezession eintritt, werden wir sehr wahrscheinlich einen vorübergehenden Anstieg der Inflationskennzahlen erleben. Darüber hinaus jedoch ermöglicht uns keiner der beschriebenen Wege, einen nachhaltigen Anstieg der Inflation in den nächsten 2-3 Jahren zu prognostizieren. Betrachten wir die drei Theorien der Reihe nach. Ansatz 1, der Monetarismus: Wir haben bereits gezeigt, dass der Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflation durch den Bankensektor effektiv kurzgeschlossen wurde. Abbildung 1: Keine Lohn-Preis Spirale!Quellen: Bloomberg, OECD, Lansdowne Partners Austria Ansatz 2, das angebotsseitige Argument, wird oft als die treibende Kraft hinter der Inflation der 1970er Jahre angeführt. Damals verfügten Gewerkschaften über eine beträchtliche Verhandlungsmacht und setzten hohe jährliche Lohnerhöhungen durch, was die Menschen vielleicht dazu veranlasste, Inflation zu antizipieren. Volkswirte orteten eine „Lohn-Preis-Spirale“. Im Gegensatz dazu werden im heutigen Umfeld Löhne wahrscheinlich erst dann deutlich steigen können, wenn die Arbeitslosigkeit wieder das Niveau von vor der Rezession erreicht hat. Abbildung 1 zeigt, dass die Stundenlöhne jedenfalls bisher keinen Inflationsdruck signalisieren. Es ist schwierig, dem dritten Ansatz folgend, inflationsrelevante Kapazitätsengpässe zu diagnostizieren, solange das Wirtschaftswachstum sehr weit unter seinem längerfristigen Trend liegt. Schaubild 2 und 3 zeigen, dass in der Vergangenheit, wann immer die Produktionslücke4 negativ war, die Inflation im Allgemeinen eher nach unten als nach oben tendierte: Abbildung 2: USA – Schätzung der Produktionslücke versus 12-Monats-Änderung der Inflation5Quellen: Bloomberg, OECD, Lansdowne Partners Austria Abbildung 3: Europa – Schätzung der Produktionslücke versus 12-Monats-Änderung der Inflation5Quellen: Bloomberg, OECD, Lansdowne Partners Austria Schließlich verharren aktuell sowohl die markt- als auch die umfragebasierten Inflationserwartungen auf einem stabil niedrigen Niveau. Ungeachtet dieses an sich unbedenklichen Ausblicks gibt es einen erwähnenswerten kurzfristigen Effekt: Ab Frühjahr 2021 erwarten wir Basiseffekte durch volatile Energiepreise. Der durchschnittliche Rohölpreis (WTI) lag im April 2020 bei rund 17 Dollar, heute liegen wir ca 170% höher. Das bedeutet, dass bei einem weiteren Anstieg, und auch wenn solche Preisanstiege nur geringfügig an Konsumenten durchgereicht werden, im April 2021 in den USA ein Preissteierungsniveau von 3% oder darüber die Schlagzeilen erreicht werden kann. Sie können sicher sein, dass einige Journalisten dies aufgreifen werden, und es wird interessant sein zu sehen, wie dann der Anleihenmarkt reagiert. Nichtsdestotrotz erwarten wir, dass dieser Inflations-Anstieg nur vorübergehender Natur sein wird. Die Rolle der Finanzpolitik Leider gibt es noch längerfristige Treiber der Inflation, welche die bisherige Dynamik verändern könnten. Tatsächlich sehen wir am Horizont einen Inflationssturm aufziehen. Zur Erläuterung sollten wir kurz die Rolle der Finanzpolitik in der aktuellen Wirtschaftssituation diskutieren. Die Wirtschaftskrise des Jahres 2020 unterscheidet sich in einem Aspekt grundlegend von allen früheren Krisen: Diesmal ist die Rezession das Ergebnis einer bewussten Entscheidung der Regierungen. Es wurde beschlossen, dass es für die Gesellschaft als Ganzes besser ist, jetzt eine Rezession in Kauf zu nehmen, als sich später mit den Konsequenzen des Massensterbens infolge eines exponentiellen Anstiegs der Infektionen auseinanderzusetzen. In dieser Situation sind nun viele Menschen auf „Hubschraubergeld“ angewiesen, um ihre Rechnungen weiterhin bezahlen zu können. Ohne die vielen Fiskalprogramme sähe die Welt heute wahrscheinlich anders aus. Erinnern Sie sich daran, wie wir bereits gesagt haben, dass Zentralbanken keine Nachfrage schaffen können. Sie können nur Liquiditätsengpässe verhindern und die Kosten der Kreditaufnahme senken. Echte Nachfrage entsteht dagegen, wenn eine Regierung Geld ausgibt oder es den Bürgern schickt –

  • Für den Begriff „Fondsboutique“ gibt es bis heute keine einheitliche Definition, doch haben aus unserer Sicht alle Fondsboutiquen eines gemeinsam, also eine Art Markenzeichen: Sie sind inhabergeführt und ihre Strategien sind einzigartig im Gegensatz zu den „Großen“ der Fondsindustrie. Meist ist der Wechsel eines (bekannten) Fondsmanagers in die Selbstständigkeit die Geburtsstunde einer solchen Fondsboutique. In Deutschland gibt es sehr erfolgreiche Häuser und diese unabhängigen Asset-Manager rücken auch medial immer stärker in den Fokus. Namen, die sich hierzulande sowohl im Privatkundengeschäft als auch bei institutionellen und semi-institutionellen Anlegern seit Jahren stark präsentieren und weiter wachsen, sind beispielsweise Acatis, DJE, Flossbach von Storch oder auch Lupus alpha, um nur wenige zu nennen.  Was macht eine Fondsboutique aus und wie unterscheidet sie sich von den großen Fondshäusern? Zunächst einmal ist es Fakt, dass die großen Anbieter oftmals nach dem Gießkannenprinzip Fonds auflegen, um so viele Themen wie möglich zu bespielen und die größtmögliche Zahl an Anlegern zu erreichen. Fondsboutiquen dagegen gehen hierbei einen völlig anderen Weg, denn hier gibt es „aktiv gemanagte Strategien abseits des Mainstreams“ und nicht selten werden gewisse Nischen besetzt. Während die Fondsmanager in großen Häusern gewisse Leitlinien innerhalb ihrer Strategie einhalten müssen, haben Fondsboutiquen und deren Manager einen großen Spielraum und können letztendlich ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Die eine oder andere Strategie einer Fondsboutique gäbe es sogar ohne die Kunden erst gar nicht, denn darüber hinaus spielt auch die Erfüllung individueller Investorenwünsche eine gewisse Rolle. Dies wiederum hat zur Folge, dass erfolgreiche beziehungsweise spezielle Investmentlösungen oftmals nicht mit Geldern zugeschüttet werden, was sich bei der einen oder anderen Strategie durchaus als Vorteil herausstellt. Michael Bohn ist Geschäftsführer der Greiff Research Institut GmbH und leitet zudem das Redaktionsteam der Publikation „Der Fonds Analyst“. Der „High-Conviction-Ansatz“ (konzentrierte Portfolios) ist bei Fondsboutiquen weit verbreitet: Die Manager orientieren sich an keinem Index, strukturieren entsprechend konzentrierte Portfolios mit vergleichsweise wenig Titeln und infolgedessen weisen die Fonds sehr oft nur eine geringe Korrelation zu Mainstream-Fonds auf, was dem Anlegerportfolio zugutekommt. Nicht weniger wichtig für den Erfolg einer Fondsboutique und daher nicht zu unterschätzen sind aus unserer Sicht neben dieser beschriebenen Flexibilität und vorhandenen Nischen-Besetzung die folgenden Argumente: Die persönliche Verbundenheit und die Nähe zu den Investoren sind jeweils ein wertvolles Gut, das die großen Marktteilnehmer kaum oder gar nicht bieten können. Dies in Verbindung mit einer gewissen personellen Kontinuität baut gegenüber den Investoren ein Vertrauen auf, das den Ausschlag pro einem Boutiquen-Ansatz geben kann. Wir wissen alle, dass am Ende zumeist die Performance zählt, aber auch hier können Boutiquen punkten: Wie eine Studie der Londoner Cass Business School in Zusammenarbeit mit der Group of Boutique Asset Managers zeigte, schafften es Fondsboutiquen gegenüber großen Asset-Managern, eine Outperformance zu erzielen (verschiedene Aktienfonds, Zeitraum Januar 2000 bis Juli 2019). In einigen Bereichen war die Outperformance besonders auffällig (zum Beispiel Large Caps, Mid und Small Caps Europa). Aber natürlich gibt es auch Stolpersteine, denen die kleinen Boutiquen häufig begegnen. Der Weg zu den ersten zehn Millionen Euro kann teilweise sehr lang sein, was natürlich am Können des Managers liegen kann oder auch daran, dass die Kontakte zu den Investoren fehlen, die Fondsboutiquen aufgeschlossen gegenüberstehen. Auch Argumente wie „Fondsvolumen zu klein“ oder „keine ausreichende Historie“ machen das Leben aufstrebender Fondsboutiquen nicht gerade leichter. Längere Phasen des Stillstands können die Folge sein, bevor dann eventuell der Durchbruch gelingt. Doch auch in Zukunft wird es immer wieder Boutiquen geben, die den Markt auch wieder verlassen. Fazit: Aus unserer Sicht können Fondsboutiquen eindeutig mit ihrer Unabhängigkeit, ihrem Maximum an Engagement, der persönlichen Verbundenheit und der Spezialisierung bei Investoren punkten. Und dass dies mit einer Outperformance gegenüber den großen Managern einhergehen kann, haben Studien bereits bewiesen. Michael Bohn ist Geschäftsführer der Greiff Research Institut GmbH, leitet den Bereich „Fondsanalyseresearch“ und verfügt über 20 Jahre Investmenterfahrung u. a. in der Bewertung von Investmentfonds. Er leitet zudem das Redaktionsteamder Publikation „Der Fonds Analyst“. Website: https://derfondsanalyst.de/ Verwandte Beiträge: Family Offices, Fonds­initia­toren und der Faktor „Brennende Leiden­schaft“ (Interview – Markus Hill, Thomas Caduff)Family Offices und Fondsboutiquen – Seed Money, Inkubatoren und Goethe (Kommentar – Markus Hill)Family Offices und Fonds­boutiquen besitzen viele Gemeinsamkeiten (Interview – Thomas Caduff, Markus Hill) Quelle: HANSAWELT 3/2020 by HANSAINVEST

  • Angewandte Psychologie im Portfolio Management Einer der faszinierendsten und zugleich vielversprechendsten Teilbereiche der Finanzforschung ist die Verhaltens­orientierte Finanzmarkttheorie („Behavioural Finance“). Durch sie verstehen wir heute besser, wie Kapitalmärkte funktionieren, wie Risiken bepreist werden und warum bestimmte Ineffizienzen fortbestehen (und es damit disziplinierten Investoren ermöglichen, Überrenditen zu erzielen). Die Forschung in diesem Gebiet zeigt etwa, dass Menschen dazu neigen, große Wahrscheinlichkeiten zu unter- und kleine Wahrs­cheinlichkeiten zu überschätzen (vgl. Abb. 1). Diese Neigung ist fest in unserem Kleinhirn eingebettet und durch zahlreiche Studien belegt. Die Zuverlässigkeit, mit der die meisten von uns auf Anreize dieser Art reagieren, führte zur Entstehung von zwei großen Industriezweigen: Sowohl die Glückspielbranche als auch die Versicherungswirtschaft leben davon, dass ihre Kunden die Wahrscheinlichkeit, mit der bestimmte Ereignisse eintreffen, mathematisch ge­sprochen „inkorrekt“ wahrnehmen. Im Fall des Glücksspiels sind die Fakten klarer: Der Preis eines Lottoscheins ist etwa doppelt so hoch wie der Gewinn, den Sie im Durchschnitt erhalten würden, wenn Sie unendlich oft spielen könnten. Auch auf dem Aktienmarkt sind Glücksspieler unterwegs: Es gilt als erwiesen, dass Aktien, die mit einer geringen Wahrscheinlichkeit sehr hohe Renditen versprechen (so genannte „Lotterieaktien“), im Verhältnis zu ihrem fairen Wert systematisch überbewertet sind1. (Dazu ein anderes Mal mehr…) Der Autor: Martin Friedrich, Lansdowne Partners Austria GmbH Abbildung 1: Entscheidungsgewicht ≠ Wahrscheinlichkeit Versicherungsgebundene Wertpapiere (Katastrophen-Anleihen, Cat Bonds) Wenn Sie Versicherungen abschließen, liegen die Prämien viel näher an ihrem zugehörigen wahrscheinlichkeits-gewichteten Verlust als bei Lotterien; eine Folge des Wettbewerbs in dieser Branche und auch, weil die Käufer finanziell anspruchsvoller sind als jene, die Lotterielose kaufen. Die Versicherungsindustrie erfüllt eine nützliche Funktion in der Gesellschaft, indem sie Wirtschaftssubjekte – Unternehmen wie Privatpersonen – in die Lage versetzt, sich von Risiken zu befreien, die zu groß sind, um sie zu tragen. Allerdings hat die Versicherungswirtschaft in manchen Regionen ein Problem mit Naturkatastrophen: Wenn eine große Zahl von Versicherungsnehmern an einem Ort plötzlich Ansprüche aufgrund desselben Ereignisses hat, können Versicherer schnell überfordert sein. Das erste Beispiel hierfür geht zurück auf das Jahr 1842, als die Stadt Hamburg bis auf die Grundmauern niederbrannte. Durch diesen einen Brand ging die gesamte deutsche Versicherungswirtschaft in Konkurs, was in der Folge zur Gründung der Kölnischen Rück führte. In Konsequenz dieser Episode entstand eine ganz neue Branche, die Rückversicherung, deren Aufgabe es ist, Erstversicherungsunternehmen vor dem existenziellen Risiko zu schützen, von sehr großen Naturkatastrophen ausgelöscht zu werden. Ein Rückversicherungsvertrag legt im Wesentlichen fest, dass der Käufer (Zedent) der Polizze, gegen Vorauszahlung einer Prämie, Verluste infolge eines vordefinierten Ereignisses (z.B. Erdbeben) ab einer bestimmten Schwelle an den Rückversicherer überträgt. Rückversicherer verfolgen dann in der Regel mehrere Strategien, um zu vermeiden, durch solche Ereignisse selbst in Schwierigkeiten zu geraten 1) Erstens müssen sie tiefe Taschen haben. Marktführende Rückversicherungsunternehmen wie Münchner Rück, Schweizer Rück, Berkshire Hathaway oder Lloyds sind als einige der am besten kapitalisierten Akteure der Welt anerkannt. 2) Zweitens müssen sie diversifizieren. Indem sie verschiedene Arten von Katastrophen in verschiedenen Teilen der Welt versichern, stellen Rückversicherer sicher, dass kein einzelnes Ereignis (wie ein Großbrand in Hamburg) sie auslöschen kann. 3) Drittens operieren sie auf globaler Ebene. Das ist reine Notwendigkeit, denn es ermöglicht Punkt zwei, die Diversifizierung. 4) Viertens und letztens: Weil der Wert der Versicherungssummen im Lauf der Zeit stark gestiegen ist, kam in den vergangenen 15 Jahren der Kapitalmarkt ins Spiel. Wie Michael Lewis in seinem Artikel „In Nature’s Casino“2 aus dem Jahr 2007 gut beschrieben hat, führt die hohe Nachfrage nach Versicherungen im Falle eines einzigen Hurrikans oder Erdbebens zu immer höheren versicherten Schäden. Ab einem bestimmten Punkt ist nur noch der Kapitalmarkt in der Lage, diese Risiken zu tragen, wie folgender Vergleich belegt: Der größte jemals durch ein Naturereignis (Hurrikan Katrina, 2005) verursachte wirtschaftliche Schaden betrug geschätzte 125 Milliarden US-Dollar, von denen ca. 80 Milliarden versichert waren. Selbst diese Summe entspricht aber nur rund 0,10%3 der weltweiten Börsenkapitalisierung. Und das ist der Grund, warum die Teilnahme an Rückversicherungsmärkten zu einer Quelle von Kapitalerträgen geworden ist. Die entsprechende Anlageklasse kennt man als versicherungsgebundene Wertpapiere, oder einfacher: „Katastrophenanleihen“. Laut Branchenquellen beläuft sich das ausstehende Gesamtvolumen im September 2020 auf 42 Milliarden US-Dollar. Erträge An diesem Punkt fragen Sie sich vielleicht noch, „was für mich dabei herausspringt“. Lassen Sie uns also zunächst überprüfen, ob genügend Geld verdient werden kann, und dann gehen wir zurück, um die Art des Risikos im Detail zu untersuchen. Hinsichtlich der Renditen gibt es zuallererst die gute Nachricht, dass Cat Bonds seit Beginn ihrer Investierbarkeit Renditen erzielt haben, die über denen von globalen Aktien UND Investmentgrade-Anleihen liegen. Abbildung 2 vergleicht das Ergebnis einer hypothetischen Anlage im de-facto Benchmark der Anlageklasse, dem Swiss Re Global Cat Bond Index4, mit globalen Aktien (gemessen am MSCI World) sowie globalen Anleihen (dargestellt durch den Barclays Global Aggregate Index). Wie Sie sehen können, waren die Ergebnisse höchst erfreulich: Cat Bonds haben überlegene Renditen erzielt, die am ehesten mit jenen von Hochzinsanleihen vergleichbar sind. Abbildung 2: Historie der Anlageklassen-ErträgeQuellen: Bloomberg, Lansdowne Partners Austria Allerdings gelten drei Vorbehalte: Erstens können Sie keinen Index kaufen. Es gibt auch keinen Indexfonds, und ähnlich wie bei Hochzinsanleihen verfehlt der durchschnittliche Manager die genannte Benchmark, noch bevor Kosten und Gebühren berücksichtigt werden. Zweitens standen Cat-Bond-Investitionen in den frühen Tagen nur wenigen spezialisierten Hedgefonds zur Verfügung, so dass wir uns vernünftig fragen müssen, ob für die Zukunft die gleichen Renditen zu erwarten sind, die diese Pioniere erzielen konnten. Drittens hat der Index zwischen 2017 und 2020 ein Plateau erreicht und konnte erst vor kurzem neue Höchststände markieren. Wir müssen also verstehen, warum dies passiert ist und was in den nächsten Jahren auf uns zukommen könnte. Im Kontext unserer europäischen Regularien ist nur das liquideste Teilsegement des Marktes durch UCITS-Fonds investierbar. Die in Frage kommenden Wertpapiere sind rechtlich als Anleihen strukturiert. Sie zahlen einen Kupon, der zum Zeitpunkt der Emission festgelegt wird und der je nach Art der Transaktion schwankt. Historisch gesehen haben wir Prämien von 5% bis 10% über LIBOR beobachtet, wobei Cat Bonds generell als variabel verzinsliche Wertpapiere strukturiert werden. Am Ende der Laufzeit der Anleihen – etwa 3 Jahre – erhält der Anleger sein Geld zurück,


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