FONDSBOUTIQUEN & PRIVATE LABEL FONDS: Finanzplatz Schweiz und Rohstoffe – „THE WORLD FOR SALE – Money, Power and the Traders Who Barter the Earth’s Resources“ (Buchbesprechung – Urs Marti, SIA Funds AG)

Als jemand, der seit über 20 Jahren als Investor und Fondsmanager im Rohstoffsektor tätig ist, kommt man kaum herum, dieses hier vorgestellte Buch „THE WORLD FOR SALE“ ((Javier Blas & Jack Farchy) zu lesen. Eigentlich wollte ich es nicht lesen, da man die übliche unqualifizierte Litanei von den bösen Kapitalisten und Ausbeutern im Rohstoffbereich erwarten konnte. Aber weit gefehlt. Das Buch liest sich wie ein Krimi und gibt einen spannenden Einblick in viele Hintergründe der globalen Konflikte und Krisen der letzten Dekaden Aufgrund der eigenen Tätigkeit und als Einwohner eines Kantons, in dem geschätzte 70% der weltweiten Metalle gehandelt werden, hat man doch einige der beschriebenen Minen und Gegenden selbst gesehen, mit CEOs, Betriebsleitern und Bergleuten bei einem Bier (oder zwei) Gespräche geführt. Ebenso gibt es die Geschichten vom Wirt des Stammlokals, wo gewisse Leute jeweils durch den Nebeneingang die Pizzeria betraten – aus Angst vor einem wiederholten Entführungsversuch von CIA / Mossad („Gerüchteküche“). Und in gewissen Jahren hatten Weltstars einen Auftritt im unbedeutenden Samstagabendprogramm des Schweizer Fernsehen. (Der Grund des Besuchs war der Auftritt am jährlichen Betriebsfest in einer Turnhalle in der Schweizer Provinz). Anbei einige „wilkürliche“ Betrachtungen, Gedankensplitter, Impressionen zum Inhalt des Buches, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Introduction – Impressionen – The last swashbucklers

Benghazi 2011. Der libysche Bürgerkrieg ist im vollen Gange, den Rebellen geht jedoch der Treibstoff aus. Auf Bitte von den Quatari fliegt der CEO von Vitol ins Kriegsgebiet. Die Rebellen benötigen Cash. Theoretisch stellte es kein großes Problem dar. Vitol könnte den Treibstoff über das Mittelmeer zum Hafen von Benghazi liefern und erhielte im Gegenzug als Bezahlung Rohöl von den Ölfeldern welche die Rebellen kontrollierten – dies über eine Pipeline nach Tobruk, nahe der ägyptischen Grenze und weit entfernt vom Kriegsgebiet. Vitol war jedoch auch bereit als Bank für die Rebellen zu agieren. Ein übliches Vorgehen im Rohstoffhandel bei Kunden, welche knapp bei Kasse sind und später die Kredite in physischen Lieferungen tilgen können. Nach einem wohl guten Nachtessen mit dem Prime Minister at 10 Downing Street geschah es mit dem Einverständnis der Politik: Washington garantierte ein Sanktionsverzicht und erlaubte US-Firmen Libysches Öl von Vitol zu kaufen. Und natürlich gab es da auch eine Nato-Drohne. Zwar unterstütze London und Washington die Mission von Vitol, sie waren aber nicht bereit, im Ernstfall zu intervenieren. Bei der Landung mitten im Kriegsgebiet wusste Ian Taylor, dass er auf sich alleine gestellt wäre. Nach Vitols Intervention verschoben sich die Machtverhältnisse im Konflikt praktisch über Nacht. Die Verfügbarkeit von Treibstoff in den entlegenen Wüsten von Nordafrika war immer ein entscheidender Faktor im Krieg. Aus denselben Gründen scheiterte der Wüstenfuchs Rommel im 2. Weltkrieg.

Autor: Urs Marti, Partner bei SIA Funds AG
Autor: Urs Marti, Partner bei SIA Funds AG

The pioneers

Theodor Weisser begann zu zittern, als er sich 1954 der Sowjetischen Grenze näherte. Als Soldat geriet er in Kriegsgefangenschaft und die Erinnerungen an das Lager waren noch lebendig. Trotzdem war er entschlossen, seine in Hamburg begonnene Mission durchzubringen, Öl zu kaufen und nicht ohne ein Geschäft heimzukehren. Es dauert nicht lange, bis die sowjetische Bürokratie auf ihn aufmerksam wurde und ein Nachtessen mit Evgeny Gurov zustande kam. Als Chef von Soyuznefteexport kontrollierte dieser Mann den ganzen sowjetischen Ölhandel. Weisser’s Firma Mabanaft verkaufte Treibstoff in Westdeutschland, verlor Geld und brauchte Öl. Es war der Beginn einer langwährenden Geschäftsbeziehung. Weisser war ein Pionier. Nach Jahren der Depression, Krieg und Stagnation begann eine Ära von Prosperität und Wachstum. Überall öffneten sich Handelsrouten. Nationalismus und Protektionismus machten Platz für Freihandel und globale Märkte. In New York hatte Ludwig Jesselson ähnliche Visionen. Ein junger Metallhändler, der aus Nazi Deutschland geflüchtet war. Seine Firma Philipp Brothers würde es später mit den größten Banken von Wall Street aufnehmen und die globalen Rohstoffmärkte dominieren.In Minnesota würde ein Getreidehändler seine Firma Cargill zur größten privat gehaltenen US-Firma ausbauen.

Die Geschichte des Rohstoffhandels geht zurück auf die Zeit als die Menschen zu siedeln begannen. Über Jahrhunderte konnte man die Kaufleute und deren Firmen wohl als fliegende Händler und Abenteurer bezeichnen. Man bereiste die Welt auf der Suche nach wertvollen Gütern um sie zu Hause zu verkaufen. Die größte Erfolgsgeschichte dieser Art war die East India Company, welche Indien über Dekaden kontrollierte.

The Godfather of oil

In den 70igern würde die OPEC den Ölmarkt und die Weltwirtschaft auf den Kopf stellen. Die Dominanz der Seven Sisters (Standard Oil Jersey, Shell, Anglo-Persian oil (BP), Standard Oil New York, Standard Oil California, Gulf, Texaco) endete, Rohöl wurde ein handelbares Gut und die Macht verschob sich zu den Händlern. Ein junger Händler bei Philipp Brothers erkannte diese Entwicklung, die Weisser vor ihm erkannt hatte. Sein Name war Marc Rich.

The last bank in town

In den frühen 80igern war Jamaica faktisch bankrott. Bald konnte man kein Öl mehr kaufen und die Erinnerungen an die Aufstände aufgrund der Ölkrise in den 70er Jahren waren noch allgegenwärtig. Niemand war mehr bereit dem Land die Kreditlinien zu erhöhen. Marc Rich & Co hatten bedeutende Investitionen auf der Insel. Jamaica war einer der größten Bauxit- und Alumina-Produzenten der Welt. Übers Wochenende, 24 Stunden bevor Jamaica das Öl ausging, organisierte Rich 300000 Barrels zur Löschung in Kingston. Ein Tanker auf dem Weg zur US-Ostküste legte einen Zwischenstopp ein. Vorher wurde nicht einmal ein Vertrag unterschrieben. Die Regierung von Jamaica würde diesen „Gefallen“ nie vergessen und die Insel würde ein Profitquelle für Dekaden werden.

(Weitere lesenswerte Kapitel, Titel:  Paper Barrels, The Fall of Marc Rich, The Biggest Closing-Down Sale in History, Communism with Capitalist Influences, Big Bang, Petrodollars and Kleptocrats, Destination Africa, Hunger and Profit, The Billionaire Factory, Merchants)

Neben zahlreichen weiteren Beispielen wird auch die Entstehung und Wachstum einiger Firmen wie Glencore, Trafigura, Guvnor, Vitol, Cargill beschrieben. In einer Bar in Moskau in den 80igern spielten zwei polnische Musiker Gitarre und Piano. Die zwei hatten ein kleines Geschäft, aktiv im Handel von Weißwaren. Bei einem Besuch in einer entlegenen Ölstadt in Sibirien (wahrscheinlich Surgut) erhielten sie den Vorschlag eines Kunden: „Wollen sie nicht in den Ölhandel einsteigen?“. Die beiden besaßen eine Exportlizenz, ein knappes Gut damals. Eigentlich wollten sie nicht in dieses Segment, da ihnen die Fachkenntnisse zu dieser Zeit fehlten. Sie ließen sich aber trotzdem überreden. Daraus entstand Mercuria mit ca. einer halben Milliarde Gewinn pro Jahr.

Fazit

Die Autoren bringen die ganzen kritischen Punkte, welche durchaus existieren gut zur Sprache. Ausgewogen und ohne die übliche Polemik, ein Beispiel für fundierte Recherche und seriösen Journalismus. Trotz allen Beziehungen und Informationen – der Besitz von Minen, Raffinerien, Tankern, Pipelines,  und Silos beinhaltet eine große Erkenntnis: Die Grundlage von Gewinnen und Verlusten ist immer ein sogenanntes Marktrisiko. Man sichert sich die (zukünftige) Produktion, verarbeitet, verschifft und profitiert vor allem bei steigenden Preisen. Natürlich manchmal auch auf eine andere Variante, als man sich in der Covid-Krise Tankerkapazitäten sicherte, um später das überschüssige Öl teurer zu verkaufen. Man kann sich fragen, ob es wirklich sinnvoll beziehungsweise möglich ist, irgendwelche “risikolosen” Renditen durch Spreads zu erwirtschaften, wie das heute ein Großteil der Finanzindustrie versucht. Eine Firma wie Glencore entwickelt sich über einen langen Zeitraum vom Händler zum Produzenten. Die heutige Informationstechnologie verringert die Margen. Man verkauft zunehmend die eigene Produktion und versucht die “Bottlenecks”, schlussendlich die Bodenschätze, deren Abbau, Transportlogistik etc., zu kontrollieren. Man muss also die guten Assets der Welt besitzen.

Im Rohstoffmarkt sind sowohl Angebot als auch Nachfrage unelastisch (Volkswirtschaftstheorie). Das führt dazu, dass immer zu wenig oder zu viel gibt. Derjenige gewinnt, der bei Knappheiten Lager hat und bei Überangebot die Produktion billig absorbieren kann. Der Handel, Verbrauch und Preis von reellen Verbrauchsgütern hängt von der effektiven Verfügbarkeit ab. Dies ist sicher ein Unterschied zu den Finanzmärkten, welche doch deutlich von Gefühlen, Geschichten und dem sich daraus ergebenden Geldfluss bestimmt werden. Und bei null Prozent Zinsen spielt es ja auch keine Rolle, ob etwas Return abwirft. Die Passivseite ist ja kostenlos, somit spielt es auch weniger eine Rolle, ob die Aktivseite der Bilanz etwas abwirft. Während die letzte Dekade von Überangebot geprägt war, werden die Konsumenten in der begonnen Dekade unter Knappheiten und steigenden Preisen leiden – für Fondsmanager beginnen spannende Zeiten!


THE WORLD FOR SALE – Money, Power and the Traders Who Barter the Earth’s Resoures (Javier Blas & Jack Farchy)

NATURAL RESOURCES DAY (10.9.2021) – PROGRAMM / ANMELDUNG: LINK

SIA Funds AG: www.s-i-a.ch

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