In Deutschland herrscht oft die Angst vor dem Ende vor. In anderen Kulturen eher der Zauber, der in jedem Anfang liegt. Bei dem Thema KI ist das ein entscheidender Unterschied.
Markus Hill im Gespräch für FONDSBOUTIQUEN.DE mit Jürgen Büschges, einem seit Jahrzehnten an den internationalen Kapitalmärkten aktiven Asset-Management-Experten, geht es um mehr als nur neue Tools und Buzzwords. Wie verändern KI, Cloud-Plattformen und Agentensysteme die tägliche Praxis im Asset Management – von der Analyse über die Regulatorik bis hin zu Vertrieb, Kundenbetreuung, Telefonagenten und Investmentkonzepten? Und wie sieht eine Welt aus, in der eine Asset-Management-Gesellschaft weitgehend KI-basiert arbeitet, während der Mensch strategisch, kommunikativ und ethisch das Steuer behält?
HILL: Welche Erfahrung bringst du für das Thema mit?
BÜSCHGES: Ich blicke auf über 30 Jahre Erfahrung im Asset Management zurück – seit den 1990er-Jahren aktiv an internationalen Kapitalmärkten, von klassischen Fundamentalanalysen über Multi-Asset-Strategien bis hin zu alternativen Investments. Schon früh hat mich das Potenzial von KI und quantitativen Modellen fasziniert: erste Anwendungen etwa mit BARRA-Systemen, später verstärkt datengetriebene Strategien. Heute verbinde ich diese Welten – menschliche Intuition, Erfahrung und die Arbeit mit modernsten KI-Systemen – zu einem zeitgemäßen, zukunftsorientierten Investmentansatz.

HILL: Was hat sich durch KI im Asset Management grundsätzlich verändert?
BÜSCHGES: Das Asset Management ist heute schneller, datenbasierter und transparenter als je zuvor. Entscheidungen entstehen nicht mehr aus „Bauchgefühl und Excel“, sondern aus KI-gestützten Analysen, die in der Cloud laufen, nachvollziehbar und skalierbar sind. Während Routineprozesse automatisiert werden, bleibt mehr Raum für Kundenarbeit, strategische Fragen und kreative Marktinterpretation – KI ist damit nicht der Autopilot, sondern der verlässliche Copilot.
HILL: Wo liegt der wichtigste praktische Nutzen von KI – für Asset Manager und Kunden?
BÜSCHGES: Der größte Mehrwert liegt in der Informationsqualität. KI wertet riesige Datenmengen aus – Finanzkennzahlen, Nachrichten, ESG-Berichte, Risikoprofile oder Marktstimmungen – und verdichtet sie in Echtzeit zu klaren Entscheidungsgrundlagen. Das führt zu schnelleren, individuelleren Empfehlungen und einer präziseren Beratung. Kunden erleben mehr Transparenz und Verlässlichkeit, während Asset Manager Effizienz und Risikokontrolle gewinnen – und zugleich mehr Zeit für den persönlichen Austausch haben.
HILL: Womit arbeiten Asset Manager konkret – von Cloud-Modellen bis Agentensystemen?
BÜSCHGES: Die meisten führenden Häuser nutzen heute Cloud-Infrastrukturen wie Google Cloud mit Vertex AI oder AWS mit Services wie SageMaker und Bedrock. Dort stehen spezialisierte Modelle für Zeitreihenprognosen, Textanalyse und generative KI bereit, die sich direkt mit eigenen Daten trainieren und in standardisierte Pipelines einbinden lassen – von der Datenaufbereitung bis zum produktiven Einsatz. Besonders spannend sind Multi-Agenten-Systeme: spezialisierte KI-Instanzen, die Analyse, Beratung, Vertrieb oder Compliance verzahnt steuern, voneinander lernen und Prozesse kontinuierlich optimieren – wie ein digitales Team aus Kollegen, das rund um die Uhr arbeitet.HILL: Wie verändert KI die Arbeit und die Rolle des Menschen im Asset Management?
BÜSCHGES: Standardaufgaben verschwinden, dafür entstehen neue Schlüsselrollen: Data Scientists, KI-Spezialisten, Strategen mit technologischem Wissen und Verantwortliche für KI-Governance. Menschen interpretieren, kontrollieren und geben Kontext zu dem, was KI liefert. Im Kundenkontakt wird es sogar noch wichtiger, komplexe Ergebnisse verständlich zu vermitteln und Vertrauen zu schaffen – KI nimmt Arbeit ab, erhöht aber gleichzeitig den Anspruch an Kommunikation und Verantwortung.HILL: Welche Rolle spielt KI bei Regulatorik und Governance?
BÜSCHGES: Regulatorik wird zunehmend selbst zum Einsatzfeld von KI. Systeme prüfen automatisch regulatorische Vorgaben, dokumentieren Audit-Trails, erkennen Compliance-Risiken und erzeugen Berichte für Aufsicht und interne Revision. Mit dem EU AI Act kommt hinzu, dass viele Asset-Management-Anwendungen als Hochrisiko-Systeme gelten dürften und damit strenge Anforderungen an Dokumentation, Monitoring und Governance erfüllen müssen – inklusive eines klaren Blicks auf die eingesetzten allgemeinen KI-Modelle und deren Anbieter. KI wirkt damit nicht nur als Werkzeug zur Regulierungsein-haltung, sondern gestaltet Governance-Prozesse und Transparenzstrukturen aktiv mit – ein fundamentaler Wandel für die Branche und die Aufsichtsbehörden.
HILL: Wie stark werden Agentensysteme künftig Kapitalmarkt und Asset Management prägen?
BÜSCHGES: Sehr stark. Agentensysteme übernehmen zunehmend Aufgaben in Beratung, Marketing, Vertrieb oder Reporting – und das weitgehend autonom. Im Kundenkontakt werden sie Anfragen kanalübergreifend bearbeiten, Leads qualifizieren, Angebote vorbereiten und Standardfälle direkt lösen; nur komplexe Themen gehen noch an menschliche Experten. Im Investmentprozess überwachen Agenten kontinuierlich Research, News, ESG-Informationen und Portfoliodaten, erkennen Anomalien und Regelverstöße und spielen dem Portfoliomanagement konkrete Handlungsvorschläge zu. In wenigen Jahren werden sie zentrale Teile des Asset Managements eigenständig steuern und Marktmechanismen über effizientere Informationsverarbeitung spürbar beeinflussen.
HILL: Wo liegen die Grenzen – bleibt Asset Management trotz KI unsicher?
BÜSCHGES: Absolut. KI erkennt Muster und Risiken früher, aber sie ersetzt weder Urteilskraft, Erfahrung noch ethische Reflexion. Märkte bleiben komplexe soziale Systeme – sie reagieren auf Daten, aber genauso auf Emotionen, Narrative und politische Entscheidungen. KI reduziert Unsicherheit, sie eliminiert sie nicht.
HILL: Wie sieht der Jobmarkt der Branche in den nächsten zehn Jahren aus?
BÜSCHGES: Der Wandel wird tiefgreifend. Klassische Analystenrollen, die hauptsächlich Daten zusammentragen und auswerten, werden seltener, dafür entstehen interdisziplinäre Profile, die KI-Modelle verstehen, Ergebnisse einordnen und Kunden begleiten können. Neue Rollen wie AI Product Owner, KI-Compliance-Experten oder Responsible-AI-Verantwortliche werden zur Schnittstelle zwischen Fachbereich, IT und Regulatorik. Teams werden flacher, agiler und stärker vernetzt – Asset Management wird zur Kooperation von Mensch, Maschine und Kunde auf Augenhöhe.
HILL: Und wie arbeitet man 2035 idealtypisch mit KI?
BÜSCHGES: 2035 orchestrieren wir Netzwerke spezialisierter KI-Agenten. Einige simulieren Märkte, andere analysieren Portfolios, weitere überwachen regulatorische Vorgaben, entwickeln neue Investmentkonzepte oder steuern vollautomatisiert den Vertrieb – inklusive direkter Kundenbetreuung per Chat und Telefon. Vertrieb, Reporting und Beratung laufen weitgehend datengetrieben, personalisiert und in Echtzeit. Die KI-basierte Asset-Management-Gesellschaft kann damit fast alle Kernprozesse aus Investment, Kundenbetreuung und Governance autark abbilden – während menschliche Entscheider Strategie, Werte und die letztendliche Verantwortung tragen. Um es zusammenzufassen: KI verändert das Asset Management grundlegend – von der Analyse über Regulierung und Vertrieb bis zur Kundenkommunikation. Die Branche bewegt sich in Richtung weitgehend KI-basierter Organisationen, in denen Automatisierung und Personalisierung Hand in Hand gehen. Der Mensch bleibt jedoch der entscheidende Faktor: als Stratege, Kommunikator und Träger von Verantwortung.
HILL: Vielen dank für das Gespräch.
Dialog & Information:
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FINANZPLATZ-FRANKFURT-MAIN.DE, DACHLI-Region & FONDSBOUTIQUEN.DE (2026) – Themen, Interessen, Dialog (Auswahl & „Snapshots“)
25.2.2026, Frankfurt – „Finanzplatz Frankfurt am Main meets Wealthmanagement“
(Markus Hill – Moderation: Christian Neuhaus – FINVIA, Sven Karkossa – Capitell Vermögens-Management AG, Noel Zeh – Wunderland Capital)
26.2.2026, Frankfurt – „Forum für Digitale Vermögenswerte (FDV)“
Redaktion – Themenspecial „Finanzplatz Frankfurt am Main meets Wealthmanagement & Digital Assets“
(Interviews / Gastbeiträge, “Support” & MORE: info: markus-hill.com)
17.3.2026, Frankfurt – Private Markets Excellence Forum – „Private Markets, Family Offices & Stiftungen – Due Diligence & Ausblick 2026”
(Markus Hill – Fireside Chat: J. Paulo Dos Santos – Geschäftsführer, VIRATIO GmbH)
Interview mit Christian Hommens – SMART IMPACT INVESTING & PRIVATE MARKETS
Frühjahr 2026: Investorenstudie „Präferenzen institutioneller Investoren bei Immobilien & Alternative Investments“
(Markus Hill – Moderation, Podcast: Sebastian Thürmer, “artis & x” – Beispiel 2025)
16.4.2026 – „köln let’s talk“ – Bettina Timmler – Immobilien & Dialog
(Medienpartnerschaft)
12.5.2026, Frankfurt: „Value Investing & Rohstoffe & MORE“
(Markus Hill – Moderation & Kurzintro „Fondsboutiquen & USA-Formel“ – Alex J. Rauschenstein & Urs Marti, SIA FUNDS AG – FINANZPLATZ SCHWEIZ)
17.6.2026, Zürich: Insights – “Family Offices & Fondsboutiquen” – The Mountain Talks Summit – FUNDPLAT
(Vortrag – Markus Hill)
10.11.2026, Frankfurt: „Finanzplatz Frankfurt am Main meets Finanzplatz Liechtenstein“
(Markus Hill – Moderation – LAFV Liechtensteinischer Anlagefondsverband: Panel & Vorträge)
Input, Ideen & Anregungen zu den oben genannten Themen sind willkommen:
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Foto: Jürgen Büschges